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KlimakriseGolfstrom könnte früher als erwartet kollabieren

Palmen im Schnee
Wenn der Golfstrom zum Erliegen käme, würde es auch im Mittelmeerraum dauerhaft eisig werden. (Foto: Federica Giusti / Unsplash / Free License)

Schon lange beobachten Klimaforscher mit Sorge die Abschwächung der Atlantischen Umwälzströmung. Jetzt schlagen sie Alarm, denn eine Studie deutet auf eine vollständige Destabilisierung hin – mit verheerenden Folgen für das Klima vieler Regionen.

07.08.2021 – Im US-Kassenschlager „The Day after Tomorrow“ von 2004 warnt ein Wissenschaftler vergeblich, dass der Golfstrom wegen schmelzender Polkappen drastisch aussüßen könnte und versiegt, was eine neue Eiszeit in Nordamerika und Europa zur Folge hätte. Die kommt auf der Leinwand denn auch schon eine halbe Stunde später. Katastrophenfilme sind beim Massenpublikum beliebt, und manche kommen der Realität immer näher – gerade auch, wenn es um den menschengemachten Klimawandel und die Folgen der globalen Erwärmung geht.

Vom Film zur Realität: AMOC stottert immer häufiger

Die Atlantische Umwälzströmung (Atlantic Meridional Overturning Circulation, kurz AMOC), zu der auch der Golfstrom gehört, ist eines der wichtigsten Wärmetransportsysteme der Erde: Sie transportiert warme Wassermassen aus dem subtropischen Süden bis an die Küsten Europas und Grönlands und im Gegenzug kaltes Wasser am Meeresboden in die andere Richtung zurück nach Süden. Damit beeinflusst sie Wettersysteme weltweit.

Schon seit geraumer Zeit sehen Klimaforscher die Entwicklung des für viele Regionen der Erde lebenswichtigen Strömungssystems, dem auch Europa sein mildes Klima verdankt, durch den menschengemachten Klimawandel mit Folge steigender Erderwärmung gefährdet. Denn AMOC gerät zunehmend ins Stottern.

Europas Wärmepumpe könnte versiegen

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich der Golfstrom um 15 Prozent abgeschwächt. und könnte sich immer weiter nach Süden verschieben. Das hatten die Geologen Camille Lique und Matthew Thomas 2018 in einer Simulationsstudie ermittelt – mit möglichen katastrophalen Auswirkungen auf den Wärmeaustausch zwischen Nord- und Südhalbkugel, warnte das Forscherteam schon damals.

Eine neue Studie im Fachjournal Nature Climate Change macht nun aktuell deutlich, dass sich die Strömung im Atlantik möglicherweise einer kritischen Schwelle nähert. Ihr Zusammenbruch könnte schwerwiegende Folgen haben, warnt der Physiker und Studienleiter Niklas Boers, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, an der Freien Universität Berlin und der Universität Exeter forscht, Der Grund für die immer häufiger schwächelnde Strömung liegt laut wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Süßwasserzufuhr durch die vom Klimawandel bedingte Eisschmelze. Diese schwäche den ursprünglich stark salzhaltigen Strom ab.

„AMOC ist eines der wichtigsten Zirkulationssysteme unseres Planeten“, macht Studienautor Boers deutlich und warnt: Derzeit sei das Strömungssystem „so schwach, wie nie zuvor in den vergangenen tausend Jahren“.

Unklar war laut Boers bisher, ob damit lediglich eine Änderung des mittleren Zirkulationszustands einhergehe – oder ein tatsächlicher Verlust an dynamischer Stabilität. Dieser Unterschied sei entscheidend, denn eine Verringerung der dynamischen Stabilität würde bedeuten, dass „ein in der Praxis wahrscheinlich unumkehrbarer Übergang zum schwachen Zirkulationsmodus stattfinden könnte“, erläutert der Klimaforscher die Studie. Mehrere Indizien deuten laut Boers jedoch schon darauf hin, dass die Abschwächung „wahrscheinlich das Herannahen einer kritischen Schwelle bedeutet, jenseits derer das Zirkulationssystem zusammenbrechen könnte.“

Für die Entwicklung seien eine ganze Reihe von Faktoren von Bedeutung, die mit dem menschengemachten Klimawandel und auch der daraus resultierenden Erwärmung des Atlantiks zusammenhängen. Dazu gehörten der Süßwasserzufluss durch das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds sowie durch das schmelzende Meereis, zunehmende Niederschläge und stärker zufließendes Wasser aus Flüssen. Süßwasser ist leichter als Salzwasser und verringert die Tendenz des Wassers im Nordatlantik, von der Oberfläche in größere Tiefen abzusinken – was die Umwälzung eigentlich antreibe, so Boers.

Von der Erderwärmung zur Eiszeit? Dramatische Folgen für die ganze Welt

Ein Kollaps der Umwälzströmung hätte überall verheerende Folgen, warnen Klimaforscher. In Europa könnte es eisig werden, in vielen Regionen auf der Südhalbkugel sorgt die Strömung für den Monsun – der könnte sich bspw. verschieben oder ausbleiben. Die Landwirtschaft weltweit wäre gefährdet, Ernährungs-, Energie- und Ökosysteme könnten zusammenbrechen, Regionen unbewohnbar werden.

Drohende Kippunkte im komplexen Klimasystem

Eine solch schnelle und heftige Reaktion des Jahrtausende alten Systems hätten selbst die Klimaforscher nicht erwartet, so Boers. „Wir müssen unsere Modelle dringend mit den vorliegenden Beobachtungen in Einklang bringen, um zu beurteilen, wie weit die AMOC tatsächlich noch vom kritischen Schwellwert entfernt ist.“ Die jeweilige Bedeutung der verschiedenen Faktoren müsse nun weiter untersucht werden muss, doch es wäre klar, dass sie mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel in enger Verbindung stehen. Die Menschheit hat es also in der Hand – die Zerstörung oder die Rettung der eigenen Lebenswelt. Zeit für eine Entscheidung bleibt eigentlich keine mehr. na


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Kommentare

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Maurer 23.08.2021, 20:39:58

Was soll man dazu dagen? Wenn das Ding einmal stehen bleibt, dann kriegste das nicht mehr in Gang. Und dann Ende Gelände!

Roland 25.08.2021, 10:44:03

Da zeigt uns etwas, wer der Herr im Hause ist. Das haben wir uns verdient.


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