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KlimakrisePlastik-Produktion weitaus klimaschädlicher als gedacht

Plastikverpackungen für Lebensmittel auf einem Laufband
Die Produktion von Plastikverpackungen ist besonders in Ländern mit einem hohen Anteil von Kohleenergie klimaschädlich. (Camille Sosok, pixabay, Public Domain)

Bislang ging man davon aus, dass Plastik vor allem bei der Entsorgung schädlich für Umwelt und Klima ist. Eine neue Untersuchung zeigt jedoch: Hauptursache für die wachsende Treibhausgasbilanz von Kunststoffen ist die boomende Plastikproduktion.

07.12.2021 – Plastik wird noch immer zu wenig recycelt. In Deutschland ist es gerade einmal die Hälfte des anfallenden Plastikmülls. Stattdessen werden die Kunststoffe vielfach verbrannt, was erhebliche Mengen Treibhausgase und Luftschadstoffe freisetzt. Zwar wird in deutschen Müllverbrennungsanlagen der entstehende hochgiftige Feinstaub zurückgehalten und anschließend tief in der Erde gelagert und konserviert, doch bei Lecks könnten die giftigen Stoffe wieder ins Grundwasser gelangen.

Zugleich schieben europäische Länder Teile ihres immensen Plastikabfalls in andere Länder ab. Nachdem China 2018 ein Einfuhrverbot verhängte, hat sich der Export zunehmend nach Südostasien verschoben. In Deutschland gelangen etwa 15 Prozent der insgesamt 5,2 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Export, größtenteils nach Südostasien. Ein wichtiger Abnehmer deutschen Plastikmülls ist inzwischen Malaysia. Dort gelangt der Plastikmüll meist auf unkontrollierte Deponien. Umweltschützer von Greenpeace nahmen von den Deponien proben und wiesen Rückstände von bromierten Flammschutzmitteln und Schwermetalle wie Antimon, Cadmium und Blei nach, die ein hohes Risiko für Flora und Fauna sowie Gesundheit der Menschen darstellen.

Klimakiller Plastikproduktion

Entsprechend verursacht die Entsorgung von Plastik immense Schäden für Klima und Umwelt. Wenig beachtet wurde bislang die klima- und umweltschädliche Wirkung der Produktion von Kunststoffen. „Bislang ging man vereinfachend davon aus, dass die Produktion von Plastik ungefähr gleiche Mengen an fossilem Brennstoff erfordert wie als Rohstoff – meistens Erdöl – in Plastik enthalten ist“, sagt Livia Cabernard, Doktorandin am Institute of Science, Technology and Policy (ISTP) der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

Doch die Schäden sind weitaus höher als erwartet. Gemeinsam mit Kolleg:innen untersuchte Cabernard die Klima-​ und Gesundheitswirkung der weltweiten Wertschöpfungskette von Kunststoffen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten. Mit der steigenden Nachfrage nach Kunststoff hat sich der CO2-Fußabdruck seit 1995 verdoppelt und erreichte im Jahr 2015 zwei Milliarden Tonnen CO2-​Äquivalent (CO2e). Das entspricht 4,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Im gleichen Zeitraum stiegen die gesundheitlichen Folgeschäden um 70 Prozent, was rund 2,2 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre verursachte.

Für ihre Studie ermittelte das Team die Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen und kam zu dem Ergebnis, dass die wachsende Treibhausgasbilanz vor allem auf die boomende Plastikproduktion in kohlebasierten Schwellenländern zurückzuführen ist. In Ländern wie China, Indien, Indonesien und Südafrika, wo Kohleenergie noch immer einen erheblichen Teil der Energiebereitstellung ausmacht, werden besonders viele Plastikprodukte für den Weltmarkt produziert. Neben der Energie und Prozesswärme zur Produktion von Plastik wird Kohle zu einem geringen Teil auch als Rohstoff für die Kunststoffe eingesetzt.

Die Forscher:innen des ETH wiesen zugleich nach, dass heute doppelt so viel fossile Energie für die Plastikproduktion verbrannt wird, wie als Rohstoff in Plastik enthalten ist. Die gesamte Produktionsphase von Plastik ist für 96 Prozent des Kohlenstoff-​Fußabdrucks von Kunststoffen verantwortlich.

Plastikproduktion grün machen

Vor diesem Hintergrund reicht es nicht aus, dass Recycling von Plastik zu fördern. Es gilt den Plastikkonsum insgesamt zu reduzieren, damit in den kohlebasierten Ländern weniger Plastik hergestellt wird. Die Europäische Union hat mit dem Verbot von Plastikstrohhalmen und Plastikbesteck sowie dem Teilverbot von Plastiktüten erste wichtige Schritte unternommen. Doch in vielen Bereichen hat Plastik auch Vorteile.

Im medizinischen Bereich etwa minimiert Plastik, einmalig und steril eingesetzt, die Verbreitung von Keimen. Bei Lebensmitteln verlängert Plastik deren Haltbarkeit. Und beim Transport ist Plastik leichter als etwa Glas und spart somit CO2 ein. Es gilt daher auch die nach wie vor nötige Plastikproduktion nachhaltiger zu machen, indem die Schwellenländer auf ihrem Weg zu einer grünen Transformation der Industrie unterstützt werden. Eine Klima-Partnerschaft, wie sie Deutschland mit Südafrika und anderen Staaten anstrebt, könnte helfen den Anteil der Kohleenergie in den Ländern deutlich zu senken und auf Erneuerbare Energien umzuschwenken. mf


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Kommentare

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jomei 07.12.2021, 14:19:09

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man Mogelpackungen gesetzlich verbietet und zur Vorschrift macht, dass das Nettowarenvolumen mindestens 90% des Verpackungsvolumens auszufüllen hat bzw. höchstens 10% des Verpackungsvolumens aus Luft oder Flüssigpuffer bestehen dürfen.

Heute gibt es Kekspackungen zur Hälfte mit Luft gefüllt, und kürzlich habe ich in den Discounterauslagen vegane Schnitzel in dickwandiger Plastikschale zu geschätzt 40% mit Luft gefüllt gesehen - ein veganes Produkt. Wie bio, toll!

Auch pflanzliche Joghurts in dickwandigen Bechern. Es geht auch anders: Dünnwandige Becher mit Papp-Außenhülle ummantelt.

Und ein Verbot von Einwegplastikflaschen, die trotz Bepfandung nicht weniger geworden sind, würde niemandem ernsthaft wehtun, außer den wenigen, die mit diesem Bullshit ein Geschäft machen.

Dazu ein absolutes Müllexportverbot und die gesetzliche Pflicht, die Abfälle einer 100%igen nachweisbaren Wiederverwertung zuzuführen.

Btw., auch wenn etwas off topic: Müssen Getränkeflaschen unterschiedliche individuelle markenspezifische Formen haben und damit die Rücknahme unnötig verkomplizieren? Warum z.B.keine einheitliche, über alle Marken austauschbare Bierflaschenform ohne Bullshit-Marketing?


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