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Nachgefragt
30. Mai 2018

„Versorgungssicherheit nicht gefährdet“

Professor Ortwin Renn vom Institut for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam leitet das Kopernikus-Projekt. Ein Ziel ist die Entwicklung eines E-Navi für die Energiewende. Praktische Lösungen werden in enger Zusammenarbeit mit Kommunen in Reallaboren erprobt.

Prof. Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor IASS

Prof. Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor IASS
Foto: © IASS

30.05.2018 – Ortwin Renn ist seit 2016 wissenschaftlicher Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Er ist Honorar- und Ehrenprofessor in Stavanger, Beijing und München und arbeitet insbesondere zu systemischen Risiken und zu Transformationsprozessen in Richtung einer nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung.

Herr Renn, Sie leiten das Kopernikus-Projekt, bei dem auch ein E-Navi für die Energiewende entwickelt werden soll. Was ist die Zielsetzung und was ist der Unterschied zu anderen Forschungsprojekten im Energiebereich?

Ortwin Renn: Alle Kopernikus-Projekte sind darauf angelegt, Theorie und Praxis eng zu verzahnen, also wissenschaftliche Erkenntnisse in die Umsetzung der Energiewende einzubringen. Dabei stehen die Wechselwirkungen zwischen Technik, Wirtschaft, Politik und menschlichem Verhalten im Fokus. Wir wollen hieraus Politikempfehlungen entwickeln, wie die Politik die Energiewende befördern kann und welche Folgen mit den verschiedenen Optionen zur Gestaltung der Energiewende verbunden  sind. Wir betrachten hierbei den Zeitraum bis 2050, das Projekt hat eine Laufzeit von zehn Jahren.

Doch lässt sich die Zukunft mit dieser Brille überhaupt so mittel- und langfristig vorhersagen? Und ist ein solch anspruchsvoller Ansatz überhaupt praktikabel?

Wir setzen hier unterschiedliche zeitliche Meilensteine, 2020, 2030 und 2050. Und wir werden nicht den einen fertigen Masterplan für die Energiewende für ganz Deutschland aufstellen. Unsere Idee ist, vielgestaltige Szenarien zu erarbeiten, die aufzeigen, wie sich unterschiedliche Optionen auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. Daraus können wir Maßnahmen ableiten und mit verschiedenen Methoden die Konsequenzen abschätzen. So beispielsweise bei der Förderung der Elektromobilität: Sind Quoten für E-Autos sinnvoll oder eher Kaufprämien für E-Autos? Oder sollten besser Zuschüsse für Ladeinfrastruktur angeboten werden oder gezielte Investitionsanreize für Induktionsladesysteme? Wie können für diese Zwecke Gelder möglichst effizient eingesetzt werden? Aus all diesen Überlegungen entwickeln wir mehrere Optionen, die wir den Entscheidungsträgern zur Auswahl an die Hand geben.

Das Kopernikus-Projekt wurde vor eineinhalb Jahren gestartet. Gibt es schon erste Zwischenergebnisse und Empfehlungen?

Ja, bei den Schwerpunktthemen, die wir bisher bearbeiteten, haben wir schon wichtige Zwischenergebnisse erzielen können. So zeigt sich bei der anvisierten Dekarbonisierung des Strommarktes – also dem Kohleausstieg –, dass auch ein hoher Anteil erneuerbarer Energien von bis zu 80 Prozent die Versorgungssicherheit nicht gefährdet, wenn man dies systemisch angeht. Sprich Flexibilitätsoptionen nutzt und grenzüberschreitend die anderen europäischen Strommärkte mit einbezieht. In punkto Ausstieg aus der Kohleverstromung zeigt sich, dass vor allem der Export billigen Kohlestroms zu hohen CO2-Emmissionen führt und der Ausstieg vor allem ein soziales Problem für die betroffenen Regionen darstellt.  

Was empfehlen Sie?

Der Strukturwandel in den betroffenen Regionen sollte viel intensiver gefördert werden als bisher. Es müssen neue Perspektiven eröffnet werden. Es reicht nicht aus, nur ein paar Jungunternehmen anzulocken oder auf Tourismusprojekte à la Disneyland zu setzen. Wir sollten das bestehende Know-how angepasst an die jeweilige Situation vor Ort nutzen, um eine wirtschaftlich zukunftsfähige und eine sozial ausgewogene Entwicklung zu ermöglichen und neue Jobs zu schaffen.

Wie kann das aussehen?

Beispielsweise kann die vorhandene Rekultivierungs- und Bergbautradition in der Lausitz genutzt und eine Fachhochschule für Rekultivierung und Bergbau eingerichtet werden. Interessante Möglichkeiten bieten sich, wenn die Kohle künftig statt zur Energieversorgung als Rohstoff für die organische Chemie verwendet wird. Dies kann mit der Wasserstofferzeugung aus Windkraft kombiniert werden.  Besonders wichtig ist es, die Menschen vor Ort verstärkt in die Planung des Strukturwandels einzubeziehen, so dass entsprechende Planungen nicht als Fremdbestimmung wahrgenommen werden. Beim Ausstieg aus der Kohleverstromung empfehlen wir eine Stilllegung von Meilern in der Größenordnung von vier bis zehn Gigawatt bis 2030, das ist gut verkraftbar.

Stichwort Zukunft Gas, wie sehen hier ihre Empfehlungen aus?

Wir haben eine sehr gut ausgebaute Gasinfrastruktur in Deutschland. Gas spielt vor allem bei der Wärmeversorgung eine wichtige Rolle. Es muss darum gehen, Gas verstärkt grün zu machen. Dem Gas kann zum Beispiel Wasserstoff, der mit Hilfe von Windkraft gewonnen wird, beigemischt werden. Das geht bei der bestehenden Infrastruktur nur in bescheidenem Maße, aber auch das kann zur Energiewende wesentlich beitragen. Zudem brauchen wir einen verstärkten Umstieg auf Solarthermie, Kraft-Wärme-Kopplung und Wärmepumpen. Doch völlig auf Gas im Wärmemarkt zu verzichten und die Leitungen stillzulegen wäre kontraproduktiv.

Woher soll denn künftig der Strom zur Herstellung des grünen Gases, nicht nur für den Wärmebereich, kommen und wieviel müsste hierfür investiert werden?

Hier haben die Wissenschaftler von E-Navi etliche Berechnungen auch über die Kosten der Erzeugung von synthetischem Gas und nötige Investitionen in anderen Weltregionen angestellt. Derzeit ist allerdings noch vieles unwirtschaftlich. Dies könnte sich mit steigenden CO2-Zertifikatspreisen jedoch ändern.

Brauchen wir Investitionsanreize für die Erzeugung und Markteinführung von grünem Gas?

Eine Option wären entsprechende Steuerreduzierungen oder eine Subventionierung von Power-To-Gas. Hier arbeiten wir noch an verschiedenen Handlungsvorschlägen, die auch die politische Akzeptanz entsprechender Maßnahmen mitberücksichtigen.

Brauchen wir dann künftig für Wasserstoff eine weitere eigene Infrastruktur?

Den Aufbau einer parallelen Infrastruktur sehe ich kritisch. Ich bin eher der Meinung, dass wir auf die Methan-Wasserstoffanreicherung setzen und Wasserstoff ins Gasnetz beimischen sollten. Eine höhere Beimischung von zehn Prozent ist aus meiner Sicht auch mit der bestehenden Infrastruktur machbar. Allerdings gibt es bei uns im Projektverbund hierzu unterschiedliche Meinungen.

Welche Rolle spielen künftig Fern- und Nahwärmenetze?

Fern- und Nahwärme steht in punkto Effizienz sehr gut da. Doch es ist die Frage, wie diese Netze künftig dekarbonisiert betrieben werden. Großes Potenzial bietet die Kombination mit Wärmepumpen, die mit regenerativem Strom betrieben werden können. Mit dem Umbau der Wärmenetze in ein regeneratives Netz beschäftigt sich in unserem Forschungsverbund vor allem die Universität Stuttgart. Wir brauchen beides, Wärmenetze und die Gasinfrastruktur für grünes Gas. Dies ist kein „Entweder-oder“. Es ist sinnvoll, auch das Gasnetz punktuell weiter auszubauen und künftig verstärkt erneuerbare Fern- und Nahwärme nutzen.

Das Thema leitungsgebundene Wärmeversorgung ist für Kommunen und kommunale Unternehmen besonders wichtig. Wie stark sind diese denn in dem Kopernikus-Projekt einbezogen?

Wir haben hierzu eine eigene Gruppe unter Federführung des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM). Dort liegt ein starker Fokus auf den rechtlichen Hemmnissen beim Umbau des Energiesystems für die Kommunen. Ein Beispiel hierfür ist der verstärkte Einsatz von Wärmepumpen bei der Flexibilisierung. Momentan muss ich als Privatperson ein eigenes Gewerbeunternehmen gründen, wenn ich Stromüberschüsse meiner Wärmepumpe für Nachbarn oder eine Energiegenossenschaft nutzbar machen will. Dies sollte dringend rechtlich vereinfacht werden.

Sind denn die Kommunen und kommunale Unternehmen bei den geplanten Feldtests beteiligt?

Ja, in unseren Reallaboren sind viele Stadtwerke und Kommunen einbezogen. Sie sind auch in unserem Forschungsbeirat vertreten. So führen wir unter anderem Pilotprojekte im Bereich Smart Heat in enger Kooperation mit Wohnungsgesellschaften und Stadtwerken in Dessau, Bitterfeld-Wolfen und Köthen durch.

Wie wichtig sind denn die Kommunen aus Ihrer Sicht für die weitere Umsetzung der Energiewende?

Vor allem bei der Wärme und beim Verkehr spielen die Kommunen eine zentrale Rolle, noch stärker als im Strombereich.  Im Bereich Verkehr arbeiten wir an zwei großen Bereichen, der E-Mobilität und modularen Mobilitätskonzepten. Hierbei geht es um die Kombination der Verkehrsmittel, Fahrrad, ÖPNV, E-Fahrzeuge und nicht zu vergessen die Fußgänger. Hierzu wird es auch Realexperimente geben, unter anderem in Leipzig, wo solche modularen Konzepte umgesetzt werden sollen. Das kann dann heißen, erst drei Kilometer Fahrrad fahren und dann auf ein öffentliches Verkehrsmittel oder ein E-Sharing-Fahrzeug umsteigen. Vor allem geht es hierbei darum, es den Kunden möglichst einfach und komfortabel zu machen, beispielsweise beim Bezahlen.

Können sich denn noch weitere Kommunen und kommunale Unternehmen für die Teilnahme an den Pilotprojekten bewerben?

Ja, für unsere zweite Projektphase ab kommendem Jahr. Für die erste Runde unserer Feldtests sind die kommunalen Partner bereits ausgewählt.

Nochmals zurück zu den Rahmenbedingungen. Scheitern denn nicht letztlich alle guten Ansätze und Empfehlungen zur Weiterführung der Energiewende an einer zu niedrigen CO2-Bepreisung?

Ohne Zweifel ist eine höhere CO2-Bepreisung eines der wichtigsten klimapolitischen Instrumente. Doch führt ein höherer CO2-Preis nicht automatisch zu einer sinnvollen und effektiven Weiterführung der Energiewende. Auch umgekehrt wird kein Schuh daraus: Auch mit einem niedrigeren CO2-Preis lassen sich viele Schritte zu einer gelingenden Energiewende einleiten.

Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.

 

Kopernikus-Projekt

Zu den über 60 Verbundpartnern des bislang größten sozialwissenschaftlichen Kooperationsprojekts in Deutschland gehören 24 Forschungseinrichtungen, 18 Universitätsinstitute, drei Nichtregierungsorganisationen, neun Wirtschaftsunternehmen, vier Stadtwerke und zwei Gebietskörperschaften. Über 20 Kompetenzpartner bringen zusätzlich ihre Praxiserfahrungen ein.


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