Menü öffnen

Voll verstrahltEstland will Europas erstes Mini-AKW bauen

Estlands Wirtschaftsministerin Kadri Simson unterzeichnet 2018 die „Tallinn e-Energy declaration“, hinter ihr steht Miguel Arias Cañete, EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie
2018 unterzeichnet die damalige estnische Wirtschaftsministerin Kadri Simson die „Tallinn e-Energy declaration“. Mit Estlands digitalem Know-how sollten Erneuerbare Energien besser in das europäische Strommarktdesign integriert werden. Ein Jahr später plant Estland jedoch das erste Mini-AKW Europas. (Foto: EU2017EE Estonian Presidency / Wikimedia Commons / CC BY 2.0)

Estland gilt als Europas IT-Spitzenreiter. Doch bei der Energiewende hat das Land den Anschluss verpasst und kämpft mit hohen CO2-Emissionen. Der baltische Musterstaat folgt nun einem fatalen Trend und will Europas erstes Mini-AKW errichten lassen.

20.02.2021 – Estland gibt sich fortschrittlich. Doch bei der Energiewende hat das Land Nachholbedarf – und lässt sich jetzt mit der Atomlobby ein, anstatt auf Erneuerbare Energien zu setzen. Ein Schritt in die falsche Richtung – mit nachhaltigem Schaden für kommende Generationen.

Die baltischen Staaten verfolgen das Ziel, bis 2025 vom russischen Stromnetz unabhängig zu werden. Den Pariser Klimazielen verpflichtet, müssen gleichzeitig Treibhausgas-Emissionen gesenkt werden. Das kleine Estland zählt in der EU zu den großen CO2-Emittenten.Das junge EU-Mitglied gilt als führendes Land für IT-Technologie in Europa. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist hier weit fortgeschritten. Da laufen die Server heiß. Entsprechend hoch ist der Stromverbrauch. Estland hat auf dieses eine Pferd gesetzt. Umso wichtiger ist die Stromversorgung der Zukunft.

Energiewende verschlafen

Der Staat hat sich zum Ziel gesetzt, die Nutzung klimaschädlicher Ölschiefer für die Stromproduktion bis 2030 zu halbieren. Keine einfache Aufgabe, deckt das Land doch bisher. rund 60 Prozent seines Strombedarfes damit. Der nationale Verband für Erneuerbare Energien Eesti Taastuvenergia Koda (ETEK) sieht großes Potenzial in der Nutzung von Solarenergie sowie bei neuen Biomasseheizkraftwerken. Windkraftanlagen gibt es kaum. Die Hälfte Estlands ist bewaldet, Konflikte mit militärischen Radaranlagen und Naturschutzgebiete sind ein Problem bei der Projektierung. Im Offshore-Bereich sieht es kaum besser aus – trotz Küstenlage.

So will Estland in Zukunft auf Atomenergie setzen, um seinen enormen Strombedarf zu decken und sich von Russland unabhängig zu machen. Geopolitisch und historisch gesehen ist das verständlich – und Atomkraft scheint verführerisch, zumal sogar Rückendeckung von Seiten der EU kommt.

Einige osteuropäische Staaten wie Polen oder Rumänien sehen in der Atomenergie eine schnelle und scheinbar günstige Lösung um ihre CO2-Emissionen zu reduzieren, wie es die EU-Klimaziele vorschreiben, und werden von der Atomlobby und Frankreich unterstützt – Atomkraft wird als Klimaschutz verkauft und damit wieder salonfähig. An der polnischen Ostsee ist derzeit ein AKW geplant, nur 100 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

Atomkraft-Technik wird als Klimaschutz verkauft – Milliardengewinne winken

2018 schloss sich auf dem Clean Energy Ministerial in Kopenhagen, einem Forum zum Austausch über klimafreundliche Energiegewinnung, an dem 24 Staaten und die EU teilnahmen, eine unheilvolle Allianz zusammen. Neun Staaten – die USA, Kanada, Russland, Japan, Südafrika, die Vereinigten Arabischen Emirate, Polen, Argentinien und Rumänien – wollen der Atomenergie zu neuem Glanz verhelfen – mit kleinen Reaktoren.

Estland setzt nun auf das neue AKW-Modell, wie der estnische News-Sender ERR berichtet. Small Modular Reactor, kurz SMR. sind modulartige Atomkraftwerke. Die Bauzeit ist kürzer als bei einem herkömmlichen Reaktor, Standardisierte Module werden vorgefertigt angeliefert und vor Ort zusammengesetzt. Das ist kostengünstiger – doch im Betrieb sind die SMR auch weniger leistungsfähig als ein herkömmliches AKW: mit weniger als 300 Megawatt (MW) Nennleistung gegenüber einem mittleren AKW mit 1.400 MW. Betriebsführung und Wartung wären laut Experten genauso aufwändig wie bei einem herkömmlichen großen AKW. Sicherheitsbedenken wischen die Entwickler vom Tisch.

Die SMR-Technik wird in einigen Ländern erforscht, die ersten Mini-Reaktoren werden derzeit in Argentinien und China errichtet. Es könnte ein lukratives Geschäftsmodell werden – so stellen sich Forscher und Investoren bereits vor, dass jede große Stadt ihren kleinen Reaktor zur eigenen Energieversorgung bekommt. Auch Bill Gates ist an der Forschung und Entwicklung beteiligt. Er mischt sich aktuell finanzstark in die Klimapolitik ein – und propagiert Atomkraft als notwendigen Klimaschutz. Das von Gates mitfinanzierte Unternehmen Terrapower arbeitet an der Entwicklung der SMR-Technologie.

Energieunternehmen für den Bau von Mini-AKWs gegründet

Das estnische Energieunternehmen Fermi Energia hatte vor rund einem Jahr eine Kooperation mit dem finnischen Energiekonzern Fortum und dem belgischen Ingenieur- und Beratungsunternehmen Tractebel vereinbart, um Lizenzmodelle für kleine Leichtwasserreaktoren zu entwickeln. Fermi Energia wurde 2019 eigens dafür gegründet, um modulare Kernkraftwerke in Estland zu errichten. Tractebel ist Anteilseigner von Fermi Energia. Das Unternehmen hatte auf der letzten Pressekonferenz angekündigt, in Zukunft weitere Investoren für das strahlende Projekt zu suchen – über die Crowdfunding-Plattform Funderbeam, die als EU-Startup gefördert wird.

Atommüll? Kein Problem!

Ein Beratungsunternehmen mit dem passenden Namen Deep Isolation liefert auch gleich eine Antwort auf das Problem der Atommüll-Entsorgung. In einer von Fermi Energia in Auftrag gegebenen Studie kommt man zum Ergebnis, dass die geologischen Voraussetzungen für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in Estland hervorragend seien.

Mit dem Einstieg in die Atomenergie verlagert Estland seine Klima- und Umweltprobleme auf die nachfolgenden Generationen – ein kurzsichtiger und rückwärtsgewandter Schritt einer Nation, die sich so gerne modern und aufgeklärt darstellt. Ein Standort für das modulare Mini-AKW ist noch nicht offiziell bekannt. Das Energieunternehmen hatte aber laut Medienberichten Interesse an einem Standort in der Hafenstadt Kunda an Estlands Nordküste gezeigt. In Hafennähe, mit Blick auf den Finnischen Meerbusen. na


Mehr zum Thema


Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

(wird nicht veröffentlicht)
max 2.000 Zeichen


energiezukunft