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Global Coal Exit List503 Kohleunternehmen noch immer auf Expansionskurs

Kohlebagger in einer Kohlemine
Kohleabbau in der Jharia Coal Mine in Indien. In Indien ist Kohleabbau noch immer deutlich auf Expansionskurs. (Bild: TripodStories- AB, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)  

Nur wenige Kohleunternehmen weltweit haben bislang ein Kohleausstiegsdatum genannt. Fast die Hälfte der Unternehmen wollen mit Abbau und Verstromung von Kohle sogar expandieren. Ein globaler Kohleausstiegsfahrplan scheint dringend nötig.

08.10.2021 – 40 zivilgesellschaftliche Organisationen weltweit geben ein Update ihrer Global Coal Exit List. 2017 erstmals veröffentlicht und jährlich aktualisiert, umfasst die Liste alle relevanten Unternehmen weltweit, die in der Kohlewirtschaft tätig sind. Für Divestment-Strategien vieler Investoren ist die Global Coal Exit List Grundlage ihrer Entscheidungen, um Kohleunternehmen aus ihren Portfolios auszuschließen.

Aktuell umfasst die Liste 1.030 Unternehmen der größten Kohlekraftwerksbetreiber, mit mehr als fünf Gigawatt installierter Kapazität, und die größten Kohleproduzenten, mit mehr als 10 Millionen Tonnen pro Jahr. Auch Unternehmen, die mehr als 20 Prozent ihrer Stromerzeugung oder ihrer Umsätze aus Kohle generieren, sowie Unternehmen, die im Bereich Kohlebergbau, Kohlekraftwerke oder Kohleinfrastruktur planen zu expandieren, sind enthalten. Und 503 dieser Unternehmen planen, trotz fortschreitender Klimakrise, weiter zu expandieren.

Fatales Kapital

Möglich macht dies vor allem immer neues Kapital, kritisiert Heffa Schücking von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald, die gemeinsam mit Partnern weltweit die Global Coal Exit List stetig aktualisiert. „Die Bereitstellung von Kapital und Dienstleistungen für diese Unternehmen durch Versicherer, Investoren und Banken ist ein Garant für den unkontrollierbaren Klimawandel. Die Finanzwelt muss sich unverzüglich von diesen Firmen trennen “, so Schücking.

Doch institutionelle Investoren besaßen Anfang des Jahres noch immer Aktien und Anteile an der Kohleindustrie im Wert von 1,03 Billionen US-Dollar. Darüber hinaus haben Banken Kohlefirmen in den vergangenen zwei Jahren mit Krediten und Investmentbanking-Geschäften in Höhe von 1,12 Billionen US-Dollar unterstützt. Auch deutsche Banken und Versicherungen sind mit Milliarden Investitionen dabei.

Neben der Deutschen Bank und der Allianz-Versicherung fällt vor allem die Commerzbank, trotz verabschiedeter Kohlerichtlinie, mit Milliardenkrediten insbesondere für den Kohlebergbau auf. Größter Nutznießer ist das britisch-südafrikanische Bergbauunternehmen Anglo American, mit Krediten in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar in den letzten zwei Jahren. Einen dreistelligen Millionenbetrag erhielt das russische Kohleunternehmen SUEK. Auch beim geplanten Ausbau und Erschließung neuer Kohleminen und –kraftwerken der SUEK in Russland wird sich die Commerzbank wohl beteiligen.

Unzureichende Ausstiegsszenarien

Auch wenn andere Kohleunternehmen keine weiteren Expansionspläne haben, ein konkretes Ausstiegsdatum aus der Kohle nennen gerade einmal 49 der 1.030 Firmen. Und selbst die genannten Zeitpunkte sind oft viel zu spät. Die RWE AG wird, politisch gewollt, 2038 aus der Kohle aussteigen. Zwei japanische Unternehmen geben sogar erst Ende der 2040er und 2050 als Ausstiegsdaten an. Laut IPCC Bericht von 2018 müsste 78 Prozent der weltweiten Nutzung von Kohle zur Strom- und Wärmeerzeugung bis 2030 beendet werden. Nur 32 Unternehmen auf der Global Coal Exit List seien nach Ansicht der Macher:innen der Liste mit ihrem Kohlefahrplan Paris-Konform.

Die zivilgesellschaftlichen Organisationen weisen darauf hin, dass eine genaue Betrachtung der einzelnen Unternehmen wichtig sei. Anglo American etwa habe, anstatt im Zuge seiner angekündigten Dekarbonisierungsstrategie Kohleminen zu schließen, diese einfach in ein neues Unternehmen ausgegliedert. Weitere Anteile an Bergbaugebieten habe man lediglich verkauft und liefen unter Führung anderer Unternehmen weiter. Auch die vielerorts praktizierte Umrüstung von Kohlekraftwerken auf Gas-Betrieb sei für das Klima bedenklich.

Der britische Premierminister Boris Johnson kündigte an, das Thema Kohleausstieg bei der anstehenden Weltklimakonferenz In Glasgow zur Sprache zu bringen. Er wolle die Industriestaaten aufrufen, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen. Auch der britische COP26 Präsident Alok Sharma rief dazu auf, „die Kohlekraft in die Geschichtsbücher zu verbannen“. Eine Einigung der Industriestaaten auf ein Ausstiegsdatum könnte schwierig werden. Helfen könnte indes ein funktionierendes globales Emissionshandelssystem. Das europäische ETS sorgt aktuell dafür, dass Kohle immer unrentabler wird. Ein europäischer Kohleausstieg bis 2030 scheint möglich. mf

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