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Fossile Industrie in der KlimakriseDer Druck auf die Versicherer von Öl und Gas wächst

Trans-Alaska-Öl-Pipeline durch zerstörten Wald
Trans-Alaska-Öl-Pipeline durch zerstörten Wald: Der Weg aus der Klimakrise führt nicht über Öl- und Gas-Pipelines. (Foto: Craig McCaa/BLM Alaska / Flickr / CC BY 2.0)

In einem offenen Brief drängen Umweltorganisationen die großen Versicherungskonzerne zu einem Ausstieg aus dem Öl- und Gassektor. Allianz und Munich Re unterstützen zwar offiziell das 1,5 Grad-Ziel – stecken aber tief im fossilen Geschäft.

22.06.2020 – Die öffentliche Kritik gegen die Versicherungskonzerne nimmt weiter Fahrt auf. Die deutschen Versicherungskonzerne Allianz und Munich Re unterstützen öffentlich das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens – doch beide gehören zu den weltweit größten Versicherern des Öl- und Gassektors, zeigt eine neue Studie des NGO-Netzwerks Unfriend Coal/Insure Our Future. In einem Brief forderten deshalb etliche Umwelt- und Menschenrechtsverbände 30 Versicherungsgesellschaften auf, neue Öl- und Gasprojekte sowie Kohlekonzerne nicht mehr zu versichern.

Daten des Weltklimarats, der Energiewirtschaft und von Umweltorganisationen zeigen, dass das Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, mit dem Kohlenstoffbudget bereits erschlossener Öl-, Gas- und Kohlereserven nicht zu halten ist, berichtet urgewald, deutsches Mitglied des NGO-Netzwerks. Demnach gebe es keinen Raum für eine Ausweitung der Produktion dieser fossilen Brennstoffe. Im 1,5 Grad-Szenario des Weltklimarats ohne CO2-Abscheidung und Speicherung müsste der Verbrauch von Erdöl bis 2050 im Vergleich zu 2010 sogar um 87 Prozent sinken, der von Erdgas um 74 Prozent. Trotzdem werden immer noch neue Öl- und Gasprojekte gestartet, warnt urgewald. Vor der Küste Guyanas etwa hat Ölmulti ExxonMobil in einem gewaltigen Öl- und Gasfeld in der Tiefsee mit der Produktion begonnen. Auch im Norden Mosambiks wollen verschiedene Öl- und Gaskonzerne riesige Gasvorkommen erschließen.

Das Netzwerk aus Umwelt- und Menschenrechtsverbänden hat vor allem die beiden deutschen Marktführer Allianz und Munich Re im Visier. Allianz und Munich Re hatten sich zwar wie sechs weitere Konzerne Einschränkungen in der Kohleversicherung vorgenommen und sich verpflichtet, ihre Portfolios nach dem 1,5 Grad-Szenario der Pariser Klimaziele auszurichten – doch im Bereich Öl und Gas sei bislang kaum etwas passiert, berichtet das NGO-Netzwerk. Die Versicherer Munich Re und Axa hätten lediglich ihren Versicherungsschutz für Ölsand-Projekte begrenzt. Ambitionen zu Beschränkungen bei der Ölförderung in der Arktis oder bei der umweltzerstörenden Schieferöl-Produktion gebe es kaum.

Klimaschutz wäre wirtschaftlich sinnvoll und machbar

Dabei wäre hier der große Hebel, um das Ende fossiler Brennstoffe einzuleiten. Die Top10 der Öl- und Gasversicherer teilten 70 Prozent des Marktes unter sich auf. „Der Versicherungsmarkt im Öl- und Gasbereich ist so konzentriert, dass schon die Aktion weniger Versicherer einen großen Einfluss haben kann“, sagt Regine Richter, Energie-Expertin der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald. Vor allem die Versicherer seien gefragt, die sich im Rahmen der von den Vereinten Nationen initiierten Net-Zero Asset Owner Alliance mehr Klimaschutz auf die Fahnen schreiben. Die Allianz gehört zu den Gründungsmitgliedern, Munich Re trat in diesem Jahr dem Bündnis der weltgrößten Pensionsfonds und Versicherern bei – darin versprechen die Mitglieder, ihre Anlageportfolios bis ins Jahr 2050 klimaneutral zu stellen.

Lippenbekenntnisse reichen nicht mehr

Doch die Allianz hat den Ausschluss einzelner Anlagen bislang lediglich im Bereich Kohle vorgenommen. Mit Öl- und Gasunternehmen trete man in Dialog zu Nachhaltigkeitsstrategien. Kritsch betrachte der Konzern die Infrastruktur bei Öl- und Gaspipelines, die teilweise in einem solch schlechten Zustand wären, dass es dort bspw. aufgrund von Leckagen zu weiteren Umweltschäden käme. Wenn Unternehmen hier nicht nachbessern, würde man sich von solchen Beteiligungen trennen. Munich Re hat bislang keine offizielle Stellungnahme zur Kritik des NGO-Netzwerkes abgegeben. Ein Ausstieg aus fossilen Beteiligungsgeschäften mit Öl und Gas ist hier wohl nicht in Sicht.

Corona-Krise in der Klimakrise

Das ist kurz gedacht. „Die fossile Industrie steht durch COVID-19 enorm unter Druck“, sagt Peter Bosshard, Koordinator der Unfriend Coal/Insure Our Future-Kampagne. Gerade das würde die Möglichkeit bieten, den erforderlichen Übergang zu einer kohlenstoffarmen Energiewirtschaft zu beschleunigen. „In einer Zeit, in der mächtige Regierungen politisch gut vernetzte Öl- und Gasunternehmen retten, muss die Versicherungsbranche als Stimme der Vernunft auftreten und wissenschaftliche Befunde in den Entscheidungsprozess über CO2-intensive Projekte einbringen“, mahnt Bosshard. na