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Die Meinung
24. Februar 2020

Klimaschutz reden und neue fossile Kraftwerke bauen

Das vom Umfang kleine Geschäft mit Bahnsignalen für Schienen, auf denen Kohle aus der australischen Carmichael-Mine transportiert werden soll, hat Siemens ins Zentrum von Klimaprotesten katapultiert. Die Folge: Jede Menge schlechte Presse, Proteste vor Siemensniederlassungen und eine lange, turbulente Hauptversammlung.

Regine Richter, Energieexpertin der Umwelt- und Menschen­rechts­organisation urgewald

Regine Richter, Energieexpertin der Umwelt- und Menschen­rechts­organisation urgewald
Foto: Andreas Schoelzel

24.02.2020 – Der Konzern selbst sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, schließlich habe man sehr früh das Ziel der Klimaneutralität 2030 eingeführt und der Beitrag der Bahnsignale sei marginal für die Realisierung der Carmichael-Mine. Andere Unternehmen haben jedoch von vornherein entschieden, sich nicht an der Ausschreibung zu beteiligen, weil die Mine als Kohlenstoffbombe seit Jahren so umstritten ist.

Die Klimaneutralität gilt zudem nur für das eigene Unternehmen und die eigenen Produktionsstätten, nicht jedoch für Projekte, die mit Siemensunterstützung realisiert werden. So erklärt der Konzern – auch als Verteidigung des Bahnsignalgeschäfts – die Siemenstechnologie sei so effizient, dass enorm viel Kohlendioxid eingespart würde, wenn weltweit alle Kohlekraftwerke diese Technologie verwenden würden.

Und auch am Bau neuer Kohlekraftwerke ist Siemens immer noch beteiligt. Etwa über eine Kooperation mit dem südkoreanischen Energieunternehmen Doosan für den Bau der 2.000 Megawatt Kohlekraftwerksblöcke Jawa 9 und 10, die etwa 100 km außerhalb von Jakarta, Indonesien, gebaut werden sollen. Im Januar berichtet die Zeitschrift Project Finance International zudem, dass die Siemens Bank sich an der Finanzierung von Jawa 9 und 10 beteiligen wolle.

In Indonesien ist der Bau der neuen Kraftwerksblöcke umstritten, weil die Luftverschmutzung in und um Jakarta so hoch ist, dass es zu zahlreichen Atemwegserkrankungen und vorzeitigen Todesfällen kommt, wozu auch die vielen Kohlekraftwerke beitragen. Darüber hinaus bedrohen die neuen Kraftwerke die Lebensgrundlagen benachbarter Fischer. Der Bau neuer Kohlekraftwerke steht – neben seinen Klimaauswirkungen – zudem im Widerspruch zum großen Potenzial erneuerbarer Energiequellen in Indonesien. Der Klima Think Tank Carbon Tracker prognostiziert, dass 2027/28 der Bau neuer Photovoltaikanlagen billiger sein wird als der Weiterbetrieb existierender Kohlekraftwerke. Schlechte Aussichten für ein Kraftwerk, das erst 2024 fertiggestellt werden soll.

Zudem gilt der Trend, dass Erneuerbare Energiequellen billiger und konkurrenzfähiger werden – nicht nur für Indonesien. Deshalb täte Siemens gut daran, sein Geschäft mit Kohle im Besonderen, aber auch mit Fossilen im Allgemeinen auf den Prüfstand zu stellen. Immerhin wurde auf der Hauptversammlung auf Nachfragen zu Indonesien erklärt, man kooperiere mit dem Land an einer Roadmap weg von Fossilen, ebenso mit dem Irak, Ghana und Ägypten. Generell beruhe jedoch weltweit noch 90 Prozent der Energiegewinnung auf Fossilen. Dass Siemens an diesem Geschäft weiter mitverdienen will, zeigen der abgeschlossene Bau gigantischer Gaskraftwerke in Ägypten und der geplante Bau von Gaskraftwerken im Irak mit umfassender Siemensbeteiligung.

Nun steht im September der Börsengang von Siemens Energy an, in dem der Gas and Power Bereich sowie die Windkraft-Tochter Gamesa zusammengefasst und als eigenes Unternehmen an den Markt gebracht werden soll. Ob es dabei primär darum geht, die kriselnde Kraftwerkssparte abzustoßen, nachdem der Markt für große Turbinen eingebrochen ist, oder ob tatsächlich ein konkurrenzfähiges neues Unternehmen entsteht, dazu gehen die Meinungen auseinander. Institutionelle Investoren haben bereits bei der Siemens Hauptversammlung darauf hingewiesen, dass zu viel fossile Energien im Geschäftsmodell die Suche nach Investoren erschweren können.

Auf den großen Korruptionsskandal 2006 reagierte Siemens, indem viele interne Verfahren neu geordnet wurden. Den Carmichael-Skandal 2020 sollte Siemens nun nutzen, um Siemens Energy klar zukunftsfähig aufzustellen, indem sich der Konzern direkt aus dem Geschäft mit Kohle verabschiedet und einen raschen Weg aus anderen Fossilen findet.




Kommentare

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Denkender Bürger 28.02.2020, 08:08:48

Die Umstellung der Energieversorgung auf alternative Energiequellen ist ein Prozeß, der nun mal seine Zeit dauert.

Und für eine Übergangszeit, bis eine sichere Energieversorgung aus alternativen Quellen aufgebaut ist, sind wir nun mal auf fossile Rohstoffe als Energiequelle angewiessen, wenn das Licht nicht ausgehen und die Wirtschaft weiterhin funktionieren soll. Um diese Tatsache führt nun mal kein Weg herum!

Kann oder will die Dame das nicht verstehen?!

Von Energietechnik und Energieversorung scheint die Damen nicht allzu viel zu verstehen.

Zudem scheint sie obendrein ein Logik-Problem zu haben ...

Lukas S. 30.07.2020, 21:43:11

Das ändert nichts daran, dass neue fossile Kraftwerke die Verhinderung irreversibler Folgen der Klimakrise unmöglich machen, weil dafür eine Obergrenze für Emissionen eingehalten werden muss. Daran führt kein Weg vorbei. Außerdem wäre es möglich, den Umstieg auf erneuerbare Energien so schnell zu bewerkstelligen, dass neue fossile Kraftwerke überflüssig werden, Fachleute haben die Lösungen schon lange parat (bin gerade zu faul, nach Quellen zu suchen, es gibt mehr als genug).


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