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Meinung der Woche
20. April 2015

Bienen in der Stadt – für Mensch und Tier ein gutes Konzept?

Zahlreiche Großstädter folgen einem neuen Trend und geben der Honigbiene auf ihrem Balkon oder ihrer Dachgarten ein neues Zuhause. Urbane Bienenhaltung demonstriert wie abhängig Mensch und Biene voneinander sind. Heutzutage haben es Honigbienen, die millionenfach über den Dächern der Städte summen, oft besser als ihre Kolleginnen auf dem Land.

Christina AndersMolekularbiologin und engagiert beiStadtbienen e. V.

Christina AndersMolekularbiologin und engagiert beiStadtbienen e. V.
Christina Anders ist Molekularbiologin. Seit diesem Jahr arbeitet sie für Stadtbienen e.V. in Berlin.(Bild: Anna Heinrich)
Christina Anders ist Molekularbiologin. Seit diesem Jahr arbeitet sie für Stadtbienen e.V. in Berlin.(Bild: Anna Heinrich)

20.04.2015 – Wer heutzutage Ruhe und Entspannung in der Stadt sucht, findet sie nicht selten auf der Dachterrasse zwischen selbst angebauten Tomaten und Küchenkräutern. Nicht nur wir, sondern auch Bienen und andere Insekten erfreuen sich an den zahlreichen Blumen und blühenden Bäumen, die heute in großer Zahl und Vielfalt das Stadtbild verschönern. Deshalb haben es Honigbienen, die millionenfach über den Dächern vieler Großstädte der Welt summen, oft besser als ihre Kolleginnen auf dem Land: In Städten finden sie von April bis Oktober Nektar zur Genüge, denn das Angebot an Pflanzen ist groß.

Die städtische Blütenvielfalt steht in direktem Gegensatz zu den landwirtschaftlich geprägten Flächen außerhalb von Siedlungsgebieten. Statt Wiesen und Wäldern mit einem reichhaltigen Angebot an Nektar und Pollen, gibt es im ländlichen Raum viele grüne Wüsten an Nutz- und Kulturpflanzen. Kilometerlange Felder mit Raps blühen je nach Witterung nur etwa drei bis fünf Wochen im Jahr. Bienen sind in der Stadt nicht mit großflächig angelegten Monokulturen konfrontiert, die oft nur für kurze Zeit in voller Blüte stehen.  Tausende Linden in Berlin, bunte Balkone, Dachterrassen und urbane Gärten in München oder farbenprächtige Parkanlagen in Hamburg halten das ganze Jahr über Nektar und Pollen bereit. Dies wurde bereits wissenschaftlich untersucht: So konnte man zum Beispiel in Paris über 200 unterschiedliche Pollen nachweisen, während  in der umgebenden ländlichen Region nur 15 bis 20 Pollenarten zu finden waren.

Auch die Honigernte ist bei Stadtbienen lukrativer: Laut Statistik des deutschen Imkerbundes produzieren sie deutlich mehr Honig als Völker auf dem Land. Dieser kann durch die geringe Pestizidbelastung sogar besser sein. Der Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft, stellt darüber hinaus ein Gesundheitsrisiko für Insekten dar: Anfang April 2015 haben EU-Experten bestätigt, dass Insektizide mit dafür verantwortlich sind, dass viele Bienen sterben. Bestimmte Gifte wie Neonicotinoide, betäuben Insekten und machen sie orientierungslos.

Bienen sind ohne den Menschen nicht überlebensfähig

Obwohl wir schon lange von und mit der Honigbiene leben, interessieren sich jetzt, nach fast zwei Generationen Pause, besonders junge Leute aus der Stadt für die Imkerei. Laut BeeBase, dem Register für Imker in Großbritannien, hat sich innerhalb von fünf Jahren (2008-2013) die Zahl der Bienenhalter in London von 464 auf 1237 verdreifacht. Dass die Biene heutzutage wieder in das Bewusstsein der Menschen rückt, und sich dies auch in der Zahl der Imker widerspiegelt, ist eine erfreuliche Entwicklung: Von 1990 bis zum Jahr 2010 ist die Zahl der Bienenvölker in Deutschland stark zurückgegangen. Wo früher die Imkerei als Nebentätigkeit ganz normal war, gehört die Bienenhaltung in den meisten landwirtschaftlichen Betrieben nicht mehr zum Arbeitsalltag dazu. Dies stellt ein zentrales Problem unserer Zeit dar: Über 75% aller Nutz- und Kulturpflanzen in Europa sind auf die Bestäubung durch die Biene und andere Insekten angewiesen. Bienen sind das drittwichtigste Nutztier hinter Schwein und Rind, und von essenziellem Wert für den Menschen. Daher haben wir die Verantwortung, die Honigbiene, aber auch Wildbienen und andere bestäubende Insekten, vor dem Aussterben zu bewahren. Schließlich profitieren wir nicht nur von ihrem Honig.

Die Veränderungen in der Landwirtschaft sind nicht der einzige Grund für die sinkende Zahl der Bienenvölker: Die Abhängigkeit vom Menschen, zeigt sich vor allem an deren geringen Überlebenschancen in freier Natur. Ohne menschliche Hilfe können sie kaum den Winter überstehen, da die Bedrohung durch verschiedene Krankheiten ein konstantes Problem ist. Vor allem die Varroa Milbe macht den Bienen das Leben schwer, sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt. Ursprünglich in Asien heimisch, hat sich Varroa destructor in den letzten 40 Jahren nahezu weltweit ausgebreitet. Sie schädigt die Brut und verhindert somit, dass viele Bienenvölker nicht über den Winter kommen. Bisher blieben alle Bemühungen erfolglos diesen blutsaugenden Parasiten dauerhaft loszuwerden. Regelmäßige Behandlungen zur Beseitigung der Milben sind notwendig, denn Varroa überträgt Krankheitserreger, an denen das ganze Bienenvolk sterben kann.

Gefahren der städtischen Bienenhaltung

Bei so viel Begeisterung hunderter ambitionierter Großstädter, könnte man einen kritischen Überschuss an Bienen in der Stadt befürchten. Kann es auch zu viele Bienen geben, sodass Völker um Nahrung konkurrieren müssen? Dieser Aspekt ist Untersuchungsgegenstand vieler wissenschaftlicher Studien. In Deutschland will man mit dem Forschungsprojekt FitBee der Universität Hohenheim eine zentrale Datenbank für unterschiedliche Standorte ausarbeiten, um die Entwicklung und den Gesundheitsstatus der Bienen vergleichen zu können. Eine generelle Empfehlung für die regionale Anzahl an Bienenvölkern zu geben, ist auf Grund der unterschiedlichen Bedingungen trotzdem schwierig: Die Pflanzenvielfalt variiert stark von Standort zu Standort und innerhalb der Saison. Außerdem ist es nahezu unmöglich den direkten Einfluss des städtischen Angebots an Pollen und Nektar auf die Bienenvölker zu bestimmen. Das gesamte Blütenangebot, das sich im Flugradius der Bienen befindet, ist kaum festzustellen. Bisher gibt es noch zu wenige Daten um daraus eine wissenschaftlich fundierte Meinung über eine empfohlene Anzahl von Bienenvölkern pro Standort abzuleiten. Um die Gefahr der Konkurrenz um Nektar und das Risiko für Krankheitsübertragungen zu minimieren, müssen Imker in ständigem Kontakt miteinander stehen. Netzwerke wie Imkerverbände und Online Foren bieten die Möglichkeit über diese wichtigen Themen zu diskutieren.

Zum Glück begeistern sich viele Hobby-Imker der neuen Generation gleichzeitig auch für einen weiteren Trend: Urban Gardening. In Gemeinschaftsgärten mitten in der Innenstadt haben auch Großstädter die Möglichkeit zu säen, zu pflanzen und zu ernten was das Zeug hält. Dabei wird ein zusätzliches Nahrungsangebot für Bienen geschaffen, denn wo viel gepflanzt wird, gibt es häufig auch reichlich Nektar und Pollen. Dies kann einer Konkurrenz um Nahrung für Bienen vorbeugen und sollte daher auch in Zukunft Hand in Hand mit der Imkerei gehen. Imkern und Gärtnern steht in starkem Gegensatz zu unserer schnelllebigen Zeit. Vielleicht besteht die Faszination an der Bienenhaltung und Gartenarbeit genau darin: Für viele Städter bedeutet beides Entschleunigung und eine Rückbesinnung auf traditionelle und ursprüngliche Werte. Die Natur wollen wir auch im städtischen Raum nicht mehr missen!

Christina Anders ist eigentlich Molekularbiologin und hätte gerne einen Balkon, um ihn mit den fleißigen Honigbienen zu teilen. Seit 2015 arbeitet sie für Stadtbienen e.V. in Berlin.

Der Text wurde am 23.05.2016 von der Autorin aktualisiert.




Kommentare

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Josef Erner 24.05.2015, 16:36:00

+117 Gut Antworten

www.holz-erner.de

 

In Ihrem Bericht vom 22.05.2015 in der Westfalenpost haben Sie einen Artikel über eine neue Art von Bienenboxen geschrieben

Wir sind u.a. Hersteller von Bienenbeutekästen DN Maß und hätten auch Interesse an der Fertigung dieser neuen Boxen. Werden diese Boxen bereits in Serie gefertigt oder könnten wir Prospektmaterial über diese Boxen bekommen?

Könnten Sie unsauch eventuell eine Musterbox zur Verfügung stellen, wonach dann gefertigt werden kann. Vielleicht informieren Sie uns auch über Ihre Preisvorstellungen.

Im Moment sind sehr viele Veranstaltungen von Imkervereinen, wo man dann über dieses Produkt sprechen kann.

Über eine e-mail Nachricht würden wir uns sehr freuen.


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