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Meinung der Woche
12. Januar 2015

Die Schöpfung bewahren – ein unerfüllbarer Auftrag?

Die Antwort mag vielleicht überraschen, aber: Ja, genau genommen schon! Die Aussage „Bewahrung der Schöpfung“ ist dennoch zum Leitwort christlichen Umweltengagements geworden.

Wolfgang SchürgerSprecher der Arbeitsgemeinschaft UmweltbeauftragteEvangelische Kirche Deutschland

Wolfgang SchürgerSprecher der Arbeitsgemeinschaft UmweltbeauftragteEvangelische Kirche Deutschland
Wolfgang Schürger ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschland. (Bild: © Wolfgang Schürger)
Wolfgang Schürger ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschland. (Bild: © Wolfgang Schürger)

12.01.2015 – Schöpfung, darauf weisen nicht zuletzt die Kritiker kirchlichen Umweltengagements immer wieder hin, ist ein zutiefst theologischer Begriff und nicht mit Umwelt oder nichtmenschlicher Natur gleichzusetzen. Wer von Schöpfung spricht, bringt damit implizit zum Ausdruck, dass alles Seiende von Gott geschaffen ist. Die Rede von der Schöpfung macht also keinen Sinn ohne das Bekenntnis zu dem Schöpfer. Martin Luther erklärt diese Bekenntnis in seinem Kleinen Katechismus folgendermaßen: „Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt aller Kreaturen – und noch erhält.“ Die theologische Tradition differenziert immer wieder zwischen dieser Leben schaffenden und Leben erhaltenden Gnade Gottes. Streng genommen kann also nur Gott selbst seine Schöpfung bewahren!

Dass die Formel „Bewahrung der Schöpfung“ trotzdem zum Leitwort christlichen Umweltengagements geworden ist, ist dem sogenannten Konziliaren Prozess geschuldet, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen im Jahr 1983 angestoßen wurde. In ihm verständigten sich die Kirchen in aller Welt über Antworten auf die drängen Herausforderungen der Gegenwart. Drei herausragende Aufgaben hatte die weltweite Kirchengemeinschaft damals benannt: Gerechtigkeit, Frieden - und Bewahrung der Schöpfung.

In der gesellschaftlichen Debatte der letzten Jahre fällt allerdings auf, dass auch Politikerinnen und Politiker immer wieder von der Schöpfung sprechen, wenn es darum geht, umweltpolitische Ziele zu vermitteln. Der Schöpfungs-Begriff dient hier offenbar dazu, deutlich zu machen, dass Lebewesen und Elemente, die uns umgeben, mehr sind als „natürliche Ressourcen“, die wir ausbeuten können, sondern einen Wert in sich haben. In einer Zeit, in der fossile Rohstoffe zur Neige gehen und sauberes Wasser in vielen Teilen der Welt nur schwer zu finden ist, beginnen wir auch jenseits aller religiösen Begründung, den Wert dieser natürlichen Güter zu erkennen. Die an indianische Traditionen angelehnte „Weissagung der Cree“ ist nicht von ungefähr schon seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein verbreiteter Leitspruch der weltweiten Umweltbewegung: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Anders als die deutsche Formel vermeidet die englische Formulierung der Leitthemen des Konziliaren Prozesses die theologische Ungenauigkeit der „Bewahrung der Schöpfung“ und bringt zum Ausdruck, worum es heute auch in der Umweltpolitik immer wieder geht: “justice, peace and integrity of creation". Das englische integrity einfach mit Integrität zu übersetzen, würde der Komplexität des Begriffes kaum gerecht – zu stark schwingt in ihm die Vorstellung eines vernetzten Systems mit, die bei der Übersetzung verloren ginge. Dies aber ist genau die Herausforderung unserer Zeit, die auch Politikerinnen und Politiker adressieren, wenn sie von der Mitwelt als Schöpfung sprechen: Zu lange haben wir Menschen uns im Gegenüber, losgelöst von dem uns umgebenden Seienden, verstanden. Es ist an der Zeit, uns mit all unserem Handeln – und Konsumieren – als Teil des globalen Ganzen, des Ökosystems „Erde“ zu sehen – oder, theologisch gesprochen, als „geschaffen samt aller Kreatur“, als Geschöpf Gottes unter Mitgeschöpfen, als „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will“, wie es der Arzt und Theologe Albert Schweitzer schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts formuliert hat.

Als solche Geschöpfe unter Mitgeschöpfen dürfen und sollen wir Gottes Garten „bebauen und bewahren“, wie es in der Bibel heißt (1. Mose 2,15). Dieser Schöpfungsauftrag ist aber kein Freibrief zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, hinter ihm steht vielmehr die Vorstellung, dass wir Menschen als Ebenbild und Statthalter Gottes auf der Erde fungieren. Auch wenn es also genau genommen nur Gott selbst ist, der seine Schöpfung bewahren kann – unser menschlicher Umgang mit unseren Mitgeschöpfen soll sich an Gottes schöpferischen und Leben erhaltenden Handeln orientieren. Wir haben die „globalen planetarischen Grenzen“ längst erkannt, aber Jahr für Jahr liegt der Termin immer früher im Jahr, ab dem wir eigentlich eine zweite Erde bräuchten, damit unser Lebensstil nicht auf Kosten der weltweiten Ökosysteme geht. Christliche Umweltethiker wie der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, fordern daher schon lange, über eine „Ethik des Genug“ nachzudenken: Was ist genug für ein gutes, gelingendes Leben, was ist genug unter Berücksichtigung des Lebensrechts anderer Geschöpfe und zukünftiger Generationen? Nicht nur fossile Rohstoffe, sondern auch fruchtbares Ackerland oder sauberes Wasser sind Güter – um nicht zu sagen: Lebensmittel – mit denen wir heute noch viel zu verschwenderisch umgehen.

Christinnen und Christen, die sich als Geschöpf unter Mitgeschöpfen verstehen, Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen versuchen in Verantwortung vor Gott dem Schöpfer zu leben, indem sie verantwortlich und sparsam mit den endlichen Gütern unserer Erde umgehen. Die christlichen Kirchen unterstützen aktiv den Umbau unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems in Richtung auf ressourcenschonendes, nachhaltiges Leben und Handeln. Sie machen Mut, einen neuen Lebensstil einzuüben, der solchem nachhaltigen Handeln entspricht: eine Lebenshaltung der Ehrfurcht vor allem Leben, so wie das Albert Schweitzer vor fast 100 Jahren bereits gelebt hat. Ob all dies ausreicht, die „Schöpfung zu bewahren“? Wir wissen es nicht. Ich halte mich dabei aber gerne an Martin Luther, dem der Ausspruch zugeschrieben wird: „Und wenn morgen die Welt unterginge, dann würde ich doch heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Die Schöpfung zu bewahren, das ist letztendlich Gottes Aufgabe, und die Bibel ist voll von Verheißungen, die deutlich machen, dass auch am Ende der Zeiten, in Gottes vollendeter Welt, nicht nur glückliche Menschen, sondern auch friedliche Löwen, blühende Steppen und frohlockende Berge zu finden sein werden. Aufgabe von uns Christinnen und Christen ist es „nur“, so zu leben und zu handeln, dass wir dieser Vollendung von Gottes Schöpfung nicht im Wege stehen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Wolfgang Schürger ist der Beauftragte für Umwelt-und Klimaverantwortung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland und Privatdozent für Systematische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.




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