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Meinung der Woche
02. März 2015

Fortschritt im Anthropozän

Die Menschheit ist in eine neue Epoche eingetreten, für die keine Entsprechung zu finden ist. Die Ökologie wird für die weitere Zukunft der limitierende Faktor sein. Das Anthropozän beschreibt sowohl die Schuld des Menschen an der Überlastung und Zerstörung der Öko-Systeme als auch eine neue Qualität von Verantwortung, die dem Menschen abverlangt wird.

Michael MüllerBundesvorsitzenderNaturFreunde Deutschlands

Michael MüllerBundesvorsitzenderNaturFreunde Deutschlands
Michael Müller ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. (Foto NaturFreunde Deutschlands)
Michael Müller ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. (Foto NaturFreunde Deutschlands)

02.03.2015 – Keine Frage: Wir leben in einer Zeit, in der wir mit großen, vor allem globalen Herausforderungen konfrontiert sind. Die vertraute Stabilität der sozialen Marktwirtschaft, die eng mit dem nationalen Wohlfahrtsstaat und hohem Wachstum verbunden war, ist vorbei. Tiefgreifende Verunsicherungen, weitreichende Umbrüche und Veränderungen erfordern neue Antworten. Doch die Politik hechelt den einzelnen Erschütterungen hinterher, statt die Zusammenhänge zu verstehen, längerfristige Trends zu deuten und Reformperspektiven aufzuzeigen. Aber nur eine Theorie auf der Höhe unserer Zeit kann den Klimawandel stoppen, die neue Spaltung Europas beenden und die Risiken der Finanzmärkte dauerhaft in den Griff bekommen.

Wir brauchen das Verständnis, dass es heute um einen epochalen Einschnitt geht. Große Herausforderungen brauchen große Antworten. Doch uns ist die Fähigkeit zur konkreten Utopie – wie Ernst Bloch das nannte – scheinbar verloren gegangen und für sie zu streiten. In den letzten beiden Jahrhunderten war die soziale Frage der Motor für gesellschaftlichen Fortschritt, für die Entfaltung der Wirtschaft und die Humanisierung des Lebens. Diese Rolle kann heute die ökologische Frage einnehmen.

In den letzten vier Jahrzehnten hat der Umwelt- und Naturschutz zwar eine einzigartige Erfolgsgeschichte geschrieben. Noch 1969 wussten in einer Umfrage des SPIEGEL 95 Prozent der Befragten keine Antwort auf die Frage, was unter Umweltschutz zu verstehen ist. Seitdem wurde viel erreicht: Die Flüsse wurden sauberer, die Luft besser, das Abfallaufkommen reduziert, massiv in erneuerbare Energien investiert, mit REACH eine Chemiepolitik begonnen. Niemand stellt mehr die Bedeutung des Umweltschutzes in Frage.

Aber heute geht es um mehr. Die Menschheit ist in eine neue Epoche eingetreten, für die keine Entsprechung zu finden ist. Weitergehende Antworten sind notwendig. Die Ökologie wird für die weitere Zukunft der limitierende Faktor sein. Sie erfordert neue, weitergehende Antworten. Das ist die fundamentale Erkenntnis, die hinter dem Vorschlag des Chemie-Nobelpreisträgers von 1995 Paul J. Crutzen steht, unsere Erdepoche Anthropozän, also das vom Menschen gemachte Neue, zu benennen. Danach ist das Holozän vorbei, die gemäßigte Warmzeit, die in den letzten 12.000 Jahren die Entwicklung auf unserem Planeten geprägt hat.

Den Naturgewalten gleich ist der Mensch zum stärksten Treiber geoökologischer Prozesse aufgestiegen, die Effekte seines Handelns auf die globale Umwelt eskalieren. Fast 80 Prozent der Landflächen sind vom Menschen gestaltet, versiegelt, bebaut, verändert. An manchen Stränden sind bis zu 50 Prozent der feinen Körner aus Plastik. Die Versauerung der Meere nimmt zu. Das Anthropozän beschreibt sowohl die Schuld des Menschen an der Überlastung und Zerstörung der Öko-Systeme als auch eine neue Qualität von Verantwortung, die dem Menschen abverlangt wird. Natürlich in unterschiedlichen Formen, denn die Einflüsse und historische Belastungen sind zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd nicht gleichmäßig verteilt.

Der Klimawandel schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. In den letzten 20 Jahren hat sich die Emission Wärme stauender Kohlendioxid-Emissionen nahezu verdoppelt. In 25 Ländern droht sich in den nächsten Jahrzehnten die Ernährungslage dramatisch zuzuspitzen, die Folgen sind Unterernährung, Tod und Vertreibung. Nach UN-Angaben werden schon bald zwei Milliarden Menschen mit geballten Energie, Ernährungs- und Gesundheitsproblemen in Slums leben. Die Daten der Internationalen Energieagentur belegen, dass 2008 der Höhepunkt der Ölförderung überschritten wurde, damit drohen Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen.

Crutzen gehörte im letzten Jahrzehnt zu den meistzitierten Geowissenschaftlern weltweit. Seine Anregung wurde von Wissenschaftlern um Johan Rockström aufgegriffen, die unseren Planeten in neun Dimensionen, die für das menschliche Leben essentiell sind, einteilten. In vier von ihnen sind die planetarischen Grenzen bereits überschritten: Klimawandel, Artenzerstörung, Stickstoffkreislauf, Landnutzung. Mehr als die Hälfte der heutigen Schädigungen gehen allein auf die letzten fünf Jahrzehnte zurück. Auch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen hat sich gewaltig beschleunigt. Dies muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass erst rund ein Drittel der Menschheit in entwickelten Industrieregionen lebt und künftig noch mindestens weitere drei Milliarden Menschen auf unserem Planeten hinzukommen werden.

Daraus erwachsen negative Synergismen, deren Folgen weit jenseits unserer Vorstellungskraft liegen werden, denn ökologische, soziale und ökonomische Fragen sind eng miteinander verbunden. Aber noch immer werden gewaltige Summen für den Bau glitzernder Verwaltungspaläste verschwendet oder in spekulative Anlagen gesteckt, statt in die Energie- oder Verkehrswende, eine Kreislaufwirtschaft oder die ökologische Landwirtschaft zu investieren.
Die Schlussfolgerung aus dem Anthropozän heißt: Die ökologische Frage entscheidet darüber, wie wir künftig leben werden. Ganz im Sinne des Innovationstheoretikers Joseph Schumpeter erfordert die Antwort eine umfassende Infrastruktur für ein neues Lebens- und Wirtschaftsmodell. Auch die Energiewende kann nur erfolgreich sein, wenn wirtschaftliche Innovationen mit einer gerechten Verteilung der Belastungen verbunden sind. Das gilt noch mehr für den überfälligen Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft wie für eine ökologische Kreislaufwirtschaft.

In den letzten Jahrzehnten war die Ökologie in erster Linie der Kampf um die Anerkennung des Themas. Wie aufgezeigt, wurde viel erreicht. Nun aber ist eine weitergehende Einmischung notwendig. Dafür ist ein theoretischer und politischer Rahmen notwendig, der sich erst langsam herausbildet. Dieser Rahmen braucht einen historischen Bezug, der die sozialökologische Transformation begründet und ihre Ziele konkretisiert.

Von daher: Ökologie 2.0 macht die Umwelt- und Naturschutzpolitik zur sozialökologischen Transformation, auch um mehr Demokratie und Freiheit zu verwirklichen. Sie geht von den ökologischen Grenzen des Wachstums aus, um von diesem Punkt aus wirtschaftliche Innovationen zu fördern und mehr soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Darum geht es, soll unsere Gesellschaft wie die EU nicht länger zerrieben werden zwischen alten, überholten Wachstumskonzepten und den nationalistischen oder populistischen Bewegungen, die in vielen Ländern Europas einen rasanten Aufschwung nehmen.

Die Internationale Stratigraphische Kommission (ICS), das Kardinalskollegium der Geologischen Gesellschaft von London, der ältesten Vereinigung ihrer Art, hat den Vorschlag Crutzens aufgegriffen. Er wird wahrscheinlich in diesem Jahr umgesetzt. Ökologie 2.0 muss nun zeigen, dass im Anthropozän Fortschritt möglich wird.

Michael Müller war langjähriges Mitglied des Bundestages und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Er ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands und leitet zusammen mit Ulla Heinen-Esser die „Atommüllkommission“.




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