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Meinung der Woche
18. Mai 2015

Windkraft nutzen heißt Kulturlandschaften gestalten!

Die unbebaute Landschaft gilt allgemein als hohes Gut. Ihre Zersiedlung aufzuhalten war über Jahrzehnte hinweg ein Anliegen, mit dem Stadt-, Freiraum-, Landschafts- und Regionalplanung befasst waren. Die Notwendigkeit der Energiewende zwingt diesen Anspruch zu relativieren. Die daraus erwachsenden großen landschaftskonzeptionellen Herausforderungen bedürfen dringend eines breiten öffentlichen Diskurses.

Dr. Gudrun BenekeRegionale StudienleitungEv. Akademie Braunschweig

Dr. Gudrun BenekeRegionale StudienleitungEv. Akademie Braunschweig
Dr. Gudrun Beneke leitet u.a. den Facharbeitskreis „Ästhetische Energielandschaften“ der Ev. Akademie Braunschweig in Kooperation mit dem Netzwerk Baukultur Niedersachsen. (Foto: privat)
Dr. Gudrun Beneke leitet u.a. den Facharbeitskreis „Ästhetische Energielandschaften“ der Ev. Akademie Braunschweig in Kooperation mit dem Netzwerk Baukultur Niedersachsen. (Foto: privat)

18.05.2015 – Mit der Privilegierung von Windkraftanlagen im Außenbereich stellen sich folgende Fragen: Wieviel Fläche werden die  erforderlichen Windkraftanlagen letztendlich vereinnahmen und welche raumorganisatorischen Konzepte sind denkbar, um diesen Einbruch in die Landschaft zu bewältigen? Wie also könnte eine Raumbildung mit industrieller Windnutzung aussehen, ohne weite Teile des ländlichen Raums zu entwerten?

Der politisch beschlossene Ausbau der erneuerbaren Energien fußt auf folgender – für Laien moderat anmutenden, in ihren landschaftlichen Konsequenzen kaum einschätzbaren – Grundannahme: Szenarien, die von einem Flächenbedarf für die Windenergie von 2% des Bundesgebietes ausgehen, sind realistisch (Fraunhofer IWES 2012, BWE 2011). Vor diesem Hintergrund sind die Landesregierungen gefordert, die Energiewende vom Ende her zu denken, ihren jeweiligen Flächenbedarf zu beziffern und zu regionalisieren, damit der Windkraftnutzung in den Regionen, Landkreisen und kreisfreien Städten potentiell Raum gegeben wird.

Wie stark um Aussagen zum Flächenbedarf gerungen wird und wie wenig überschaubar die Auswirkungen für die Energiewende vor Ort sind, lässt das aktuelle Geschehen in Niedersachsen erahnen. Dort sollen lt. Windenergieerlass (Entwurfsstand 2015/04) Energie über die Deckung des Eigenbedarfs hinaus produziert und dafür 1,3 bis 1,7% der Landesfläche mit  Windnutzung belegt werden. Eine weniger optimistische Sicht verkündete der Vorsitzende des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Umweltfragen, Prof. Martin Faulstich. Anfang Mai diesen Jahres stellte er ein Gutachten vor, nach dem in Niedersachen allein für die Selbstversorgung 2,1% einzuplanen sind.

Eine öffentliche Diskussion zu den landschaftskonzeptionellen Herausforderungen bzw. zu den räumlichen Konsequenzen derartiger Angaben für ländliche Räume steht aus. Auf die Dringlichkeit einer solchen Auseinandersetzung weist die Studie „Den Landschaftswandel gestalten!“ (2014/06) hin. Sie wurde in drei Bänden gemeinsam von den Bundesämtern für Bauwesen und Naturschutz herausgegeben. Prof. Catrin Schmidt et al, Institut für Landschaftsarchitektur, TU Dresden, gingen u.a. der Frage nach, wie es - die dreidimensionale Wahrnehmung berücksichtigend – um die Raumwirksamkeit der Windkraftnutzung bestellt ist.

Die Untersuchung erfolgte anhand eines, das gesamte Bundesgebiet erfassenden digitalen Landschaftsmodells, das mit EEG-Stammdaten der Übertragungsnetzbetreiber unterlegt wurde (Datenbasis 2010). Danach überprägt die Windenergienutzung schon jetzt 11% der Fläche Deutschlands (Bd.1, S. 25). Sie bringt windenergieanlagendominierte Landschaften hervor, die größtenteils in der nördlichen Hälfte Deutschlands anzutreffen sind. Dort ist die Windkraftnutzung in einer Reihe von Regionen bereits von einer punktuell erlebten zu einer großmaßstäblich wahrnehmbaren Landnutzung ausgewachsen. Die Autoren der Studie mahnen: „Der gegenwärtige Landschaftswandel markiert nur den Anfang eines Prozesses, der aufgrund der Ausbauziele für erneuerbare Energien noch weitaus größere Dimensionen erwarten lässt.“ (S.30/31) Sie werben für ein planerisches Vorgehen, das der Unterscheidbarkeit und Vielfalt von Landschaften Rechnung trägt.

Derartigen Intentionen wird mit dem Rückbau verstreut platzierter Windenergieanlagen nur bedingt entsprochen. Vor allem werden landschaftskonzeptionelle Ansätze benötigt, die die „Nebenwirkungen“ der Windnutzung, die extreme Höhe der Anlagen und die weiträumige Technisierung der Landschaft, positiv wenden. Diese Schwachstellen erfordern eine kreativ-offensive Herangehensweise. Zu fragen ist: Welche der ermittelten Potentialflächen bieten Ansatzpunkte, Windenergiegebiete in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken? Mit dieser Prämisse würden Verfahren hinfällig, die Potentialflächen als „ausgeräumt“, „strukturlos“ und „vorbelastet“ abqualifizieren und für eine Nutzung ohne Gestaltungsanspruch freigeben.

Im Sinne einer Energiewende als Gemeinschaftswerk gilt es, ländliche Räume vor einer windenergiebedingten Zersetzung und Entwertung zu bewahren. Zielführend sind entwerfende Planungsstrategien, mittels derer Windenergiegebiete zu landschaftsbereichernden Raumelementen entwickelt werden. Dies beinhaltet  eine Standortsteuerung auf Basis regionaler landschaftsarchitektonischer Konzepte, die die Ausweisung von Windenergiegebieten mit gegebenen kulturlandschaftlichen Strukturen in Einklang bringen. Das meint, mit der Platzierung von Windenergieanlagen beispielsweise besondere Orte herausstellen, charakteristische geomorphologische Strukturen unterstreichen, weitläufige Landschaftsräume gezielt gliedern und –  bei einer Ansammlung mehrerer Windenergiegebiete – Einzelentwürfe aufeinander abstimmen.

Es liegt in der Hand von Regionen, Landkreisen und Kommunen, Flächenbedarfsansätze für die Windenergienutzung unter landschaftskonzeptionellen Aspekten zu reflektieren. Lösungen, die Identität stiften und der Eigenart der jeweiligen Landschaft gerecht werden sollen, verlangen entsprechend angelegte und auf verschiedenen Maßstabebenen zu entwickelnde Entwurfsszenarien. Die Erarbeitung von Alternativen ist unerlässlich, um die Herausforderungen zu konturieren sowie einen öffentlichen Diskurs in die Wege zu leiten zu können, der in Entscheidungsprozesse mit größtmöglicher allgemeiner Akzeptanz mündet.

Dr. Gudrun Beneke von der Ev. Akademie Braunschweig leitet u.a. den Facharbeitskreis „Ästhetische Energielandschaften“ in Kooperation mit dem Netzwerk Baukultur Niedersachsen.




Kommentare

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Christian Holm 19.05.2015, 23:29:26

+290 Gut Antworten

Die Energiewende muss auch mit Intelligenz angegangen werden. Da die Windkraft weder grundlastfähig noch kostengünstig ist, wird die Natur dem Windkraft-Wahn geopfert ohne einen Gegenwert zu erhalten. Niemand, der mit einer intakten Natur groß geworden ist, kann solche Industrieanlagen im Wald gutheißen. Strom sparen muss betrieben werden, Transport und Speicherung intensiver erforscht werden.

Dr. Christoph Leinß 29.08.2015, 21:49:07

+270 Gut Antworten

Außer der alarmierenden Zahl von 11% Raum, der der ländlichen Bevölkerung bereits jetzt durch Windkraftanlagen genommen wird, kann ich der Studie leider nichts abgewinnen. Die volatile, nicht planbare Windkraft deckt heute nur ca. 2% unseres Primärenergiebedarfes. Ein weiterer Ausbau der Windkraft ist in höchstem Maße unchristlich, unsozial, destabilisierend für das Stromnetz und hat mit Naturschutz schon gar nichts am Hut. Bitte schauen Sie hinter die Kulissen und den Realitäten - vor allem auch der Physik - besser ins Auge.


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