Zur Kampagne

Spaniens Vorreiter-Stromrebellen nehmen weiter Fahrt auf

2013 knackte Som Energia die Schwelle von 10.000 Mitgliedern. (Foto: © Som Energia Cooperativa, CC BY 2.0)
2013 knackte Som Energia die Schwelle von 10.000 Mitgliedern. (Foto: © Som Energia Cooperativa, CC BY 2.0)

Derzeit findet in Katalonien ein Treffen euro­päischer Gruppen statt, die sich für eine basis­orientierte Energie­wende einsetzen. Gast­geberin ist Som Energia, Spaniens größte Öko­strom­genossen­schaft. Sie kämpft gegen die aktuelle Energie­politik, erfährt dafür starken Zuspruch und bringt neue Ideen auf den Weg.

15.09.2017 – Die energiepolitische Bedeutung der im hohen Nordosten Spaniens gelegenen Stadt Girona ist wahrscheinlich kaum bekannt. Aber weder im nahen Barcelona, noch in Madrid, weder an einer der windreichen spanischen Küsten, noch im extrem sonnenreichen südspanischen Andalusien, sondern hier in Katalonien, nicht weit von der Grenze zu Frankreich, befinden sich Gründungsort und Zentrale von Spaniens wichtigstem Ökostromanbieter: Som Energia, eine Genossenschaft mit 36.000 Mitgliedern.

Auf einem Landgut in der Provinz Girona findet nun auch das erste europäische Treffen von Basisinitiativen statt, die in verschiedener Weise am dezentralen Charakter der Energiewende arbeiten. Som Energia organisiert es zusammen mit der europäischen Sektion des globalen Verbands „Friends of the Earth“ (dessen deutsches Mitglieder der BUND ist) und mit dem europäischen Verband der Energiedemokratie-Genossenschaften „Rescoop“. Von Donnerstag bis Sonntag tauschen sich 80 Leute aus 20 Ländern über Energiedemokratie aus, über ihre Erfahrungen vor Ort und über mögliche gemeinsame Initiativen. Die Einen werden Vorträge über Rekommunalisierungen halten (wie in Berlin), andere berichten vom Kampf um die spanische oder dänische Energiewende. Auch praktische Schritte zur Gründung einer Basisinitiative und zur Geldakquise werden vorgestellt.

Die Geschichte von Som Energia wird ebenfalls erzählt werden. Deren Gründung Ende 2010 durch 150 Mitglieder war das Ergebnis einer Initiative eines Uni-Professors und seines universitären Umfelds. Som Energia war die erste Stromerzeugungsgenossenschaft Spaniens, und sie ist heute noch bei weitem die größte. Sie beliefert derzeit 55.000 Anschlüsse (Mitglieder können für andere Menschen einstehen und ihnen so die Mitgliedschaft ersparen), bis Jahresende sollen es 60.000 sein. Im April gab die Genossenschaft bekannt, dass innerhalb von 11 Wochen 5.000 Kundenverträge abgeschlossen wurden, und so früher als geplant die Marke von 50.000 erreicht war. Es scheint also einen Boom zu geben – und das, obwohl Gewinne nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert werden.

Som Energia wirbt mit Transparenz und Mitbestimmung. Die Stromtarife werden in der Vollversammlung festgelegt. Lokale Gruppen sorgen für Mitgliedergewinnung und die Verankerung des politischen Gedankens hinter der Genossenschaft vor Ort. Schwerpunkt ist nach wie vor das Bundesland Katalonien.

Hilfe im politischen Kampf kann die Energiewende-Genossenschaft sehr gebrauchen, denn Spaniens Regierung hat der Energiewende in den letzten Jahren allerhand riesige Steine in den Weg gelegt, um die wirtschaftlichen Interessen der Energiekonzerne zu wahren. „Seit dem Beginn der Krise vor ein paar Jahren wurden alle Szenarien komplett abgeschafft, die es erlaubt hätten, Spanien an die Weltspitze der Erneuerbaren Energien zu bringen“, klagt die spanische Sektion von „Friends of the Earth“. „Die Prämien für saubere Energien wurden abgeschafft, den schmutzigen wurden mehr Subventionen gewährt, die Maßnahmen zur Energieeinsparung wurden vergessen... Und mit den letzten Reformen wurde praktisch der ganze Sektor der Erneuerbaren zu Grabe getragen.“

Som Energia ist im Kampf um eine andere Energiepolitik sehr aktiv. Im Mai war die Genossenschaft Gründungsmitglied der „Allianz für den Eigenverbrauch“, die in einem Manifest von der Regierung die Abschaffung von technischen, regulatorischen und ökonomischen Hürden für diese Form der Energie-Erzeugung verlangt. Gleichzeitig weigerte sich Som Energia, an der Ausschreibung für neue Ökostrom-Erzeugungsanlagen teilzunehmen. Die Gründe: Die Vergabekriterien bevorteilten laut Som Energia Windenergieanlagen und benachteiligten zusätzlich kleine Projekte; zudem sei durch die Art des Wettbewerbs zu erwarten gewesen, dass wie bei der vorherigen Ausschreibung kein, oder kaum Gewinn mit den neuen Anlagen zu machen sei.

Nicht nur Privathaushalte finden offensichtlich Gefallen am Kampf gegen das spanische Strom-Oligopol. Im Juli wurde die Vereinigung der 135 katalanischen „Mikrodörfer“, in denen jeweils weniger als 500 Menschen wohnen, Mitglied bei Som Energia, so dass die einzelnen Dorfverwaltungen nun beliefert werden können, ohne Mitglied werden zu müssen.

Im April vergab Som Energia zusammen mit der Kreditgenossenschaft Coop57 Geldpreise in Höhe von insgesamt 25.000 Euro an Initiativen, die neue Ideen für die lokale Umsetzung der Energiewende entwickelt haben und dabei auch einen solidar-ökonomischen Ansatz verfolgen. Prämiert wurden eine Nachbarschafts-Infrastrukturinitiative, zwei Projekte kollektiver E-Mobilität, ein Bewässerungssystem und eine Idee für ein lokales Selbstversorgungssystem. Beworben hatten sich 41 Initiativen. Es handelte sich angeblich um den ersten derartigen Wettbewerb in Spanien.

Innovativ müssen die katalanischen Stromrebellen auch wegen der erwähnten politischen Rahmenbedingungen sein. Zwischen 2011 und 2013 baute Som Energia neue Stromerzeugungsanlagen in mehreren Teilen Spaniens. 3,5 Millionen Euro wurden dafür von den Mitgliedern eingesammelt, gegen einen geringen Zinssatz. Damals gab es die Einspeiseprämien der Regierung. Seit es die nicht mehr gibt, ist die Errichtung neuer Anlagen ausgelagert. Die Kampagne „Generation kWh“ wirbt Einzelpersonen als Miteigentümer von neuen Anlagen. Sie bekommen dann den Strom zum Selbstkostenpreis. Die Investition soll sich im Lauf der Lebenszeit der Anlage, also in über 20 Jahren, durch diese Einsparung beim Strompreis amortisieren. Derzeit steht der Bau der zweiten derart finanzierten Anlage an: Ein Windrad, das von derzeit rund 350 Personen finanziert wird. Der Standort ist ebenfalls in Katalonien.

Somit zeigt sich auch an Som Energia, wie schleppend die Stromwende in Spanien vorangeht. Die Genossenschaft hat vergangenes Jahr nur 6 GWh selbst poduziert – das reicht gerade mal für 2.500 Durchschnittshaushalte. Ralf Hutter

   

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel

  1. Ralf Hutter 15.09.2017, 15:10 Uhr
    Mir fällt auf, dass ich den Namen hätte übersetzen können: "Som Energia" ist Katalanisch für: "Wir sind Energie".

Ihr Kommentar zum Thema

(wird nicht veröffentlicht)

max 2.000 Zeichen

Meinung der Woche

Erneuerbare Energien und Naturschutz – ein unlösbarer Konflikt?

Deutschland will und braucht die Energiewende. Durch eine höhere Energieeffizienz und Energiesparen kann der Energieverbrauch gesenkt werden. Was dann noch an Energie notwendig ist, soll aus Erneuerbaren Quellen stammen. Hierfür braucht es neben anderen Anlagen vor allem Windenergieanlagen.  

Katharina Maaß
Projektleiterin Dialogforum
NABU Baden-Württemberg

Umfrage

Wird die europäische Photovoltaik-Branche im nächsten Jahr eine Renaissance erleben?