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Klimawandel in DeutschlandDer Kampf ums Wasser

Ausgetrockneter Dorfteich in Brandenburg.
Sinkende Grundwasserspiegel lassen Seen in Brandenburg merklich schrumpfen, manchmal sogar ganz verschwinden. (Foto: Petra Franke)

Von Wasserknappheit zu sprechen, wäre übertrieben. Aber auch in Deutschland sind die Vorräte nicht überall und jederzeit ausreichend. Zudem muss die Qualität des Trinkwassers immer aufwendiger gesichert werden. Dünger und Arzneimittelrückstände machen die Aufbereitung teuer.

22.10.2020 – Dürren kannten wir bisher vor allem von anderen Kontinenten. Die letzten Sommer mit ihren hohen Temperaturen und langen Trockenphasen haben unsere Aufmerksamkeit auf die heimischen Wasservorräte gelenkt. Sind sie groß genug? Sind sie sauber genug? Und was passiert mit den Ökosystemen an austrocknenden Flüssen und Seen? Sollen wir Talsperren leerlaufen lassen, um Schifffahrt zu ermöglichen? Wie können wir unsere Wälder erhalten? Wie wollen wir bei steigender Knappheit die Ressourcen verteilen?

Gerade weil Wasser so essenziell ist für unser Leben, ist das Problem vielschichtig. Begrifflichkeiten, regionale Unterschiede, geltendes Recht und die verschiedenen Nutzungsarten machen es leicht unübersichtlich. Sogar der Ursprung des Wassers ist noch nicht eindeutig geklärt. Zwei verschiedene Hypothesen zur Herkunft des Wassers auf der Erde diskutiert die Wissenschaft.

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Es ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt und verteidigt werden muss. So steht es in der Präambel der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie schwer es ist, die Konkurrenz zwischen dem Bedarf von Mensch und Natur gut im Blick zu behalten. Eine Gesamtaufgabe, die noch nicht befriedigend gelöst ist.

Nationaler Wasserdialog hat Kernbotschaften formuliert

Weil das Thema an Relevanz gewinnt und die vielfältigen Fragen nicht isoliert beantwortet werden können, hat Umweltministerin Svenja Schulze einen nationalen Wasserdialog einberufen. In einem zweijährigen Prozess diskutierten die verschiedenen Akteure gemeinsam Ziele und Strategien. Dabei will das Umweltbundesamt zukünftig unter Wasserwirtschaft keinesfalls nur die öffentliche Trinkwasserversorgung verstehen, sondern alle Institutionen und Maßnahmen zur Wasserversorgung, zur Entsorgung von Abwasser und zur Regulierung des Wasserhaushalts. Am 8. Oktober 2020 wurde der Nationale Wasserdialog mit einem Forum abgeschlossen und der Abschlussbericht veröffentlicht. 16 Kernbotschaften sind darin formuliert. Eine nationale Wasserstrategie soll folgen.

Quantität und Qualität unseres Trinkwassers

Sprechen wir zuerst über unser Trinkwasser: 70 Prozent des Trinkwassers in Deutschland stammt aus Grundwasserressourcen. Deren Größe und Qualität ist von Geologie und Mikrobiologie abhängig, aber auch von lokalen Niederschlagsmengen. Die Grundwasserkörper, auch Aquifere genannt, müssen deshalb lokal betrachtet und beurteilt werden. Die Wassermenge ist meist kein Problem. Dennoch kann es durch ausbleibende Niederschläge und eine erhöhte Verdunstung zu lokalen Engpässen kommen. Besonders der Osten Deutschlands könnte davon betroffen sein. Hohe Verbrauchsspitzen sind dann ein zusätzliches Problem. Sie treten vor allem in Siedlungsbereichen mit vielen Einfamilienhäusern auf, weil die Gärten in solchen Phasen vermehrt bewässert werden.

Doch Masse ist nicht gleich Klasse. Knapp 30 Prozent aller Aquifere in Deutschland sind mittlerweile so hoch mit Nitrat belastet, dass sie der Wasserrahmenrichtlinie nicht entsprechen. Die in der Düngeverordnung getroffenen Maßnahmen schaffen keine echte Kehrtwende. Diese Ansicht vertritt Wilhelm Urban, Leiter des Fachgebiets für Wasserversorgung und Grundwasserschutz an der Technischen Universität Darmstadt.

Stoffeinträge aus der Landwirtschaft sind ein großes Problem

Weil vor allem die Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln und Dünger die Wasserqualität beeinflusst, besteht an dieser Stelle der größte Handlungsbedarf. Im Juni 2020 trat immerhin die Novelle des Wasserhaushaltsgesetzes in Kraft. Landwirtschaftliche Flächen in bestimmten Hanglagen müssen nun einen fünf Meter breiten Pufferstreifen haben, wenn sie an ein Oberflächengewässer angrenzen. So soll der Eintrag von Nitrat oder Phosphat in Fließgewässer oder Seen verringert werden.

Was jetzt im Umweltministerium als Erfolg gefeiert wird, hat seinen Ursprung in einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes. Deutschland hatte die europäische Nitrat-Richtlinie nur unvollständig umgesetzt und keine geeigneten Maßnahmen zum Schutz der Gewässer vor Nitratverunreinigungen aus der Landwirtschaft ergriffen.

Im August 2020 erließ die Bundesregierung eine Verwaltungsvorschrift zur Düngeverordnung. Auch das geschah nicht auf eigene Initiative, sondern wurde aus Brüssel angemahnt. Mit Nitrat oder Phosphor belastete Gebiete werden nun nach festgelegten Kriterien ausgewiesen. Landwirte müssen dort künftig strengere Düngeregelungen befolgen. Im September hat der Bundesrat zugestimmt.

Alle vier Jahre muss die Bundesregierungen einen Nitratbericht vorlegen, der explizit den Einfluss der landwirtschaftlichen Nutzung auf das Grundwasser untersucht. Entsprechend sind auch die Messstellen ausgewählt. Der Bericht 2020 weist an 26,7 Prozent der 692 Messtellen Nitrat-Konzentrationen von mehr als 50 Milligramm pro Liter nach. Allerdings liegen an diesen Messstellen die Durchschnittswerte nicht wie zu vermuten bei knapp über 50, sondern bei 89,88 Milligramm pro Liter! Insgesamt stuft der Nitratbericht der Bundesregierung die Belastung des Grundwassers damit als zu hoch ein.

Der Ort, an dem alle Stoffeinträge zusammenkommen, sind die Küstengewässer. Und deren Zustand ist in Deutschland generell schlecht, egal ob es um Nährstoffe oder Spurenstoffe geht. Das zeigt, dass die Stoffeinträge aus dem Binnenland zu hoch sind. Die Folgen sind vermehrtes Algenwachstum und nahezu sauerstofffreie Todeszonen, in denen Würmer, Muscheln, Krebse und Fische nicht überleben, mahnt der NABU.

Trinkwasser muss immer aufwendiger gereinigt werden

Weil Flüsse und Seen und in Konsequenz auch die Aquifere immer stärker mit Stoffeinträgen belastet sind, muss Trinkwasser immer aufwendiger aufbereitet werden. Ähnlich wie in den Wäldern, in denen Trockenheit die Widerstandskraft der Bäume gegen Borkenkäfer verringert, gibt es auch beim Wasser einen Verstärkungseffekt durch lange Trockenphasen. In Flüssen oder Bächen mit einem hohen Anteil geklärten Abwassers gibt es nun weniger Verdünnung in den Sommermonaten. Das hat Folgen für die Ökologie in den Flüssen und Bächen, aber auch für die Trinkwassergewinnung aus dem Uferfiltrat. Wenn die Belastung höher ist, wird die Aufbereitung teurer.

Der größte Teil der Abwasserreinigungsanlagen wurde bereits zur Stickstoff-Elimination ausgebaut, aber das bedeutet keine Entwarnung. Die Zeit spielt eine große Rolle, denn wir sprechen über lange Zeiträume. Die Aufenthaltszeiten im Grundwasser in den Grundwasserkörpern liegen bei Jahrzehnten, manchmal sogar im Bereich von hundert Jahren. Selbst wenn heute keine Düngemittel mehr eingetragen würden, wäre das Problem noch jahrzehntelang vorhanden. Hinzu kommt die Verschmutzung durch Arzneimittel. Sie nimmt zu und die Aufbereitung zieht nicht in gleichem Maße mit.

Welche Nutzung hat Vorrang?

Die Aufgabe der Wasserwirtschaft besteht in der zielbewussten Ordnung der menschlichen Eingriffe auf den Wasserhaushalt. Sie muss also die verschiedenen Nutzungen unter einen Hut bringen. Das gelingt leichter, wenn genug da ist. Wenn mehrere Nutzer auf denselben Grundwasserkörper zugreifen und die Ressourcen knapp werden, muss jemand Abstriche machen. Auf solche Extremsituationen ist die Wasserwirtschaft nicht gut vorbereitet. Diese Frage wurde bisher nur in Einzelfällen gelöst. Hier kommen auch rechtliche Fragen ins Spiel, denn jede bedeutsame Wassernutzung hat in Deutschland auch ihre Genehmigung, mitunter sogar ein verbrieftes Recht. In den letzten Monaten hat der Streit um das notwendige Wasser für die Tesla-Fabrik in Grünheide für Aufsehen gesorgt. Für das jetzt geplante Werk sind wohl ausreichende Ressourcen vorhanden, wenn aber weiter ausgebaut wird oder viele Menschen in die Region ziehen, könnte das Wasser knapp werden.

Nach den Nutzungskonflikten der letzten Jahre ist es sehr wahrscheinlich, dass der Trinkwasserversorgung in den Landeswasserhaushaltsgesetzen ein Vorrang eingeräumt wird. Vielleicht wird zukünftig auch mehr differenziert, für welche Nutzung welche Qualität zugewiesen wird. Bewässert werden muss nicht unbedingt mit Trinkwasser – aber wer will sein Erdbeerfeld schon mit arzneimittelbelastetem Flusswasser gießen?

Der Verband Kommunaler Unternehmen fordert deshalb die Stärkung des Verursacher- und Vorsorgeprinzip. Hersteller von Produkten mit wasserbelastenden Stoffen sollen an den Kosten ihrer Entfernung beteiligt werden. Diese Formulierung findet sich in den Kernbotschaften des Nationalen Wasserdialogs wieder: Für ein ganzheitliches Gewässerschutzkonzept muss das Vorsorge- und Verursacherprinzip gestärkt werden. Für alle Beteiligten müssen Anreize geschaffen werden, den Gewässerschutz zu verbessern und Einträge von Spurenstoffen, Mikroplastik und Co. möglichst an der Quelle zu vermeiden.

Die Landwirtschaft muss mit weniger Chemie auskommen. Hier ist ein großer Umgestaltungsprozess zu leisten – wahrscheinlich ist das zukünftig die größte Herausforderung. Eine der Kernbotschaften des Wasserdialogs hat diesen Gedanken aufgegriffen: Die Bundesregierung soll sich im Rahmen der europäischen Agrarpolitik bemühen, landwirtschaftliche Fördermittel in Richtung Honorierung von Ökosystemleistungen und einer umweltfreundlichen Landwirtschaft umzulenken. Damit könnte die ökonomische Grundlage für die Umstellung auf eine regional differenzierte, umweltfreundliche Landnutzung geschaffen werden.

Gesunder Wald, Nahrung und Trinkwasser bedingen sich gegenseitig

Nur wenn alle Akteure gemeinsam handeln und Kreisläufe sowie Wechselwirkungen in Gänze betrachtet werden, kann eine sinnvolle und gerechte Wassernutzung gelingen. Es geht um das höchste Gut: unsere Lebensgrundlage. Wenn Wälder und Landschaften veröden, verdunstet mehr Wasser. Die tiefer liegenden Speicher leiden. Wenn das Wasser aus diesen Vorräten belastet ist, muss es aufwendig aufbereitet werden, was unser aller Geldbeutel belastet. Wenn Moore, Flüsse und Seen austrocknen, bedeutet das nicht nur Wasserverlust, sondern auch das Verschwinden von ganzen Biotopen und Arten. Weniger Verschmutzung und weniger Verbrauch können helfen. Die Folgen des Klimawandels – Trockenheit und hohe Temperaturen – können sie auf Dauer trotzdem nicht aufhalten.

Daten und Fakten zum Wasser

Von der in Deutschland zur Verfügung stehenden Wassermenge, dem Wasserdargebot, wird jährlich nur rund ein Viertel genutzt. Vier Prozent davon als Trinkwasser.Seit über 15 Jahren geht der Wasserverbrauch hierzulande, richtiger die Wassernutzung, in Deutschland zurück. Zuletzt schwankte der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch zwischen 120 und 123 Litern Trinkwasser pro Person. Dies ist im Vergleich zu anderen Industriestaaten ein niedriger Wert. Es besteht jedoch noch weiteres Einsparpotenzial. Jeder Einzelne kann und sollte dazu beitragen, dass der Wasserverbrauch weiter zurückgeht

Im Jahr 2016 wurden 77,1 Prozent des Wassers für den industriellen Bereich (Bergbau, verarbeitendes Gewerbe und Energieversorgung) entnommen. Davon nutzten Energieversorger allein für Kühlzwecke 52,9 Prozent. Die in der Landwirtschaft benötigten Mengen für Beregnung sind noch relativ gering, könnten aber zukünftig steigen. Die privaten Haushalte nutzten nur elf Prozent des Wassers.

Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes benötigten im Jahr 2016 rund 16 Prozent der gesamten wirtschaftlichen und privaten Wassernutzung in Deutschland. 78 Prozent wurden direkt aus der Natur entnommen, also überwiegend als Grund-, Quell- und Oberflächenwasser sowie als Uferfiltrat. 22 Prozent wurden von Wasserversorgern oder anderen Betrieben fremdbezogen. 57 Prozent des im gesamten Produktionsbereich des verarbeitenden Gewerbes eingesetzten Wassers wurde als Kühlwasser genutzt.

Die einzelnen Produktionsbereiche im verarbeitenden Gewerbe benötigen unterschiedlich viel Wasser. Auf die chemische Industrie entfielen fast 58 Prozent der Wassernutzung. Die Metallindustrie, die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie sowie die Papierindustrie benötigten jeweils grob zehn Prozent des Wassers.

Seit 1995 nahmen in den meisten Produktionsbereichen die benötigten Wassermengen ab oder stagnierten. Das lag vor allem daran, dass Unternehmen Wasserkreisläufe durch technologische Prozessintegration und Membrantechnik besser schließen konnten. Ein Teil der Rückgänge ist auch auf den Abbau von Produktionskapazitäten zurückzuführen.

Virtuelles Wasser

Die Verlagerung von Produktionskapazitäten und überhaupt die Globalisierung bedingen ein weiteres Phänomen. Von uns verbrauchte Güter haben einen virtuellen Wasserfußabdruck. Für die Herstellung wurde Wasser an einem anderen Ort der Welt genutzt. Rund 70 Prozent des Wassers für die von uns benötigten Produkte und Güter stammt nicht aus Deutschland selbst.

Deutschlands gesamter Wasserfußabdruck beträgt rund 117 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr. Das entspricht einem täglichen Verbrauch von mehr als 3.900 Litern pro Einwohner. Die Deutschen liegen damit bei weitem nicht an der Spitze, sondern eher im weltweiten Durchschnitt. Petra Franke

“In der Geschichte ist Wasser, und vor allem sein Ursprung, die Quelle, immer Gegenstand von Verehrung und Respekt gewesen. Die Erfindung des Wasserhahns und der Mineralwasserflasche haben uns vergessen lassen, dass Wasser, bevor es aus dem Hahn fließt oder in Flaschen verkauft wird, ein Geschenk der Natur ist.”
Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises

 


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