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UN-KlimaberichtLobbyarbeit gegen den Klimaschutz

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Fleisch- und Fossilindustrieländer wollen Schlüsselpositionen des UN-Klimaberichts verwässern. (Bild: pixabay)

Reporter des Greenpeace-Projekts unearthed decken versuchte Einflussnahme auf. Fleisch- und Fossilindustrieländer wollen Schlüsselpositionen des UN-Klimaberichts ändern, um Maßnahmen zu behindern und zu verzögern.

25.10.2021 – Einige der größten Kohle-, Öl-, Rindfleisch- und Futtermittelproduzierenden Länder der Welt versuchen, wissenschaftliche Schlüsselpositionen zur Klimakrise zu verwässern. Sie behindern so notwendige Maßnahmen für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft und zur Reduzierung von Emissionen. Dies zeigen Greenpeace-Reporter von unearthed, die eine kommentierte Version des sechsten IPCC-Klimaberichts ausgewertet haben.

Tragweite anzweifeln

Vor allem Australien, Saudi-Arabien und die OPEC stechen mit Kommentaren heraus, die unumstrittene Maßnahmen gegen den Klimawandel in Frage stellen oder abschwächen. Australien möchte den Kohleausstieg nicht als notwendig bezeichnet sehen, und Analysen der Lobbyarbeit fossiler Brennstoffunternehmen und ihr Einfluss auf Klimamaßnahmen in Australien und den USA lieber streichen.

Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und Saudi-Arabien, die zusammengerechnet etwa 40 Prozent des weltweiten Erdöls fördern, versuchen mehrfach, deutliche Aussagen zum Ende fossiler Brennstoffe zu verhindern. Dass Kohlereserven im Boden verbleiben müssen, wird in den Kommentaren ebenso als politische Aussage bezeichnet, wie dass eine pflanzenbasierte Ernährung Treibhausgase reduziere. Letztere Kritik, die sich auch auf Aussagen zu nachhaltiger Ernährung bezieht, kommt von den Fleischnationen Brasilien und Argentinien.

„Neutral bleiben“

Saudi-Arabien argumentiert am schärfsten gegen grundlegende Fakten des Berichts. Worte wie Transformation, dringend, erforderlich, und beschleunigte Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels auf allen Ebenen, seien übertrieben, nicht politikneutral oder einseitig. Stattdessen wird für die Möglichkeit „sauberer fossiler Brennstofftechnologien“ argumentiert, für die es aktuell keine objektiven Existenzhinweise gibt.

Die Aussage, die Welt brauche das Ende fossiler Brennstoffe, um zu überleben, sei ebenfalls einseitig. Die Wissenschaftler mögen doch bitte technologieneutral bleiben. Möglicherweise könne man die Treibhausgase in Zukunft in solchen Mengen einfangen, dass ein fossiler Ausstieg nicht nötig sei. Wissenschaftler bezeichnen diese Einwände als fahrlässig. Sie verführen zu weiteren fossilen Emissionen und der Beschleunigung der Klimakrise.

Laut unearthed berufen sich sowohl Australien, Saudi-Arabien, der Iran, die OPEC und Japan in ihrer Kritik am UN-Klimabericht auf diese Technologiewette. Zwar gibt es sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS) und Carbon Capture Usage and Storage (CCUS) Technologien, mit denen Kohlenstoffemissionen bei der Produktion abgefangen oder weiterverwendet werden sollen. Die Annahme, dass mit CCS und CCUS der Großteil der heutigen Emissionen abgefangen werden könnte, ist jedoch falsch. Obwohl Wissenschaftler keinen Weg sehen, mit CCS und CCUS einen Großteil der heutigen Emissionen zu bewältigen, tauchen sie als Scheinargument gegen einen Wirtschafts- und Energiesystemwandel immer wieder auf.

Eigeninteresse auf Abwegen

Das Interesse dieser Länder ist klar: Große Reserven fossiler Brennstoffe oder auch die Fleischindustrie verlieren ihren Wert in einer auf Erneuerbaren Energien basierenden Wirtschaft, in der sich die Menschen auch noch vegetarisch ernähren. Auf kurze Sicht scheint es also in ihrem Interesse zu liegen, eine echte Transformation zu verhindern. Aber eben nicht auf lange Sicht.

Die Kommentare demonstrieren vor allem eine erschreckende Geringschätzung der wissenschaftlichen Befunde. Dies gilt auch für den Iran, der kommentierte, da 1,5 Grad so oder so unerreichbar seien, solle man doch gleich auf 2 Grad zielen.

Hintergrund: Der IPPC-Report

Der IPCC ist ein internationales Expertenteam, das den wissenschaftlichen Stand, Ursachen und Folgen des Klimawandels in einem Bericht zusammenfasst. Er gilt als richtungsweisende Grundlage für die internationale Politik. Schwache oder starke Formulierungen in diesem Weltklimabericht können viel bewirken, denn Politiker weltweit berufen sich auf ihn.

Im Sommer wurde der erste Teil des sechsten IPCC-Berichts offiziell veröffentlicht, der den wissenschaftlichen Konsens zur globalen Erwärmung beschreibt. Zwei weitere Teilberichte zur Anpassung an den Klimawandel und den verbleibenden Möglichkeiten, schwerwiegende Folgen noch zu verhindern oder zumindest abzuschwächen, erscheinen im kommenden Februar und März. Die Vorabversionen und Kommentare werden ebenso wie die finale Version des Reports im kommenden Jahr veröffentlicht.

Vorabversion geleaked

Eine Version der Zusammenfassung eben dieses dritten Teils des IPCC-Berichts wurde bereits von Scientist Rebellion geleaked, da in der Vergangenheit Regierungen das Policy-Fazit der Berichte verändert hatten. In dem Dokument wird deutlich skizziert, dass für das 1,5 Grad Ziel eine Abkehr von Fossilen im nächsten Jahrzehnt entscheidend ist. Treibhausgasemissionen müssen bereits in vier Jahren ihren Höhepunkt erreicht haben und laufende Kohle- und Gaskraftwerke in spätestens 10 bzw. 12 Jahren geschlossen werden. Auch dies reicht nur aus, solange die bereits geplanten neuen Kraftwerke nicht gebaut werden.

Tausende Kommentare ausgewertet

Den Reportern des Greenpeace-Projekts unearthed wurde eine kommentierte Version des dritten Teilberichts des IPCC-Reports zugespielt, der tausende Kommentare von Regierungen, Unternehmen und anderen Akteuren enthält. Das Journalisten-Team wertete sie aus und zeigt, welche Staaten sich noch immer gegen eine konsequente Abkehr von der derzeitigen zerstörerischen Wirtschaftsweise stellen.

Gerade deshalb ist es essenziell, vor der COP26 einen Einblick in die wahren Absichten eben jener Länder zu bekommen, die bereit sind, für den eigenen Profit die Klimakrise weiter ungehemmt zu befeuern. Eine Gruppe der wirtschaftlich einflussreichsten Nationen der Welt nimmt die Klimakrise und ihre fatalen Auswirkungen noch immer nicht ernst. jb

 


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