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Meinung der Woche
11. Juni 2019

Erwachsene: Habt Respekt vor Fridays for Future!

Da verschiebt sich was. Notgedrungen. Seit Greta Thunberg eine Welle losgetreten hat und Kinder und Jugendliche für den Klimaschutz auf die Straße gehen, werden viele Erwachsene zu Schülerinnen und Schülern. Sie müssen lernen, dass in der Vergangenheit viel versäumt wurde und sie müssen lernen, ihren eigenen Lebensstil zu hinterfragen.

Sabine Ponath, Parents for Future

Sabine Ponath, Parents for Future
Sabine Ponath, Parents for Future
Foto: privat

Welchen Stellenwert Kindheit und Jugend in der Vergangenheit hatte, war im Laufe der Geschichte unterschiedlich. Eines war bis heute nach dem letzten Stand der Forschung jedoch nahezu gleich: ein Kindheitsbild der Passivität. Wir Erwachsene haben die Regeln gemacht, haben über Grenzen und Freiheiten entschieden und ja, Kinder wurden und werden auch instrumentalisiert und missbraucht.

Sieht man von Letzterem einmal ab, so kann man vielleicht proklamieren, dass es vor allem darum ging, Kinder zu schützen. Ihnen den Kindheitsraum zu bewahren, einen Raum der Unschuld und der Gedankenlosigkeit zu ermöglichen, bevor der „Ernst des Lebens“ beginnt. Dieser Schutz- und Schonraum ist sicher nicht immer im Interesse der Kinder und Jugendlichen. Sie wollen selbstbestimmt leben, in vielerlei Hinsicht sollten wir ihre Wünsche und Vorstellungen respektieren und ermöglichen.

Gerade das Beispiel von Fridays for Future-Bewegten zeigt, dass jung sein nicht unbedingt etwas mit mangelnder Kompetenz zu tun haben muss. Im Gegenteil. Wie eine Luisa Neubauer Politprofis an die Wand redet – und damit so eindrücklich klar macht, dass sie Recht hat – das muss ihr unabhängig von ihrem Alter erstmal jemand nachmachen.

Kinder an die Macht

Aber auch schon kleine Kinder wissen sehr genau was sie wollen oder eben nicht wollen. Es liegt an uns Erwachsenen genau zu schauen, ob unser Bestimmerwille eigentlich wirklich zum Wohle und im Sinne der Kids ist – oder es uns nur darum geht, unsere Autorität zu behaupten.

Wenn mein Dreijähriger unbedingt mit Gummistiefeln ins Bett möchte, dann kann ich mich zwar wundern, ob das wirklich so bequem sein mag – aber es wird ihm nicht körperlich oder seelisch schaden. Wieso sollte ich also auf meinem Willen beharren, er möge sie ausziehen? Aus Prinzip? Mal Hand aufs Herz – wer hinterfragt sich und seine Entscheidungen im Einzelnen wirklich? Geht es immer ums Kindeswohl oder vielleicht das eine oder andere Mal ums sture Rechthaben?

Jetzt mögen Kritikerinnen und Kritiker anmerken, politische Entscheidungen seien ein wenig komplexer als Schuhwerk und Schlafgarderobe. Ja – das sind sie. Umso mehr muss es gesellschaftliche Aufgabe sein, Kinder altersgerecht dazu zu ermächtigen, eigene, gut überlegte Entscheidungen fällen zu können und ihre Zukunft gestalten zu können. So wie eine eindrucksvolle Masse an Kindern und Jugendliche das bereits jetzt kann. Denn auch wenn es sich für viele Deutsche nicht danach anfühlen mag:

  • Wir stecken mitten in einer der größten Krisen der Menschheitsgeschichte.

Drama, Baby

Was wir wissen, ist alarmierend. Mehr als das. „Weltweit waren die Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 die heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.“ (Quelle: Scientists for Future)

Schuld an der Misere: wir Menschen. Die Folge sind nicht nur bereits jetzt Extremwetterereignisse und deren Folgen, sondern auch massive Gesundheitsbeeinträchtigungen vor allem für Schwächere, Ältere und die Kleinsten. Außerdem verlieren unzählige Menschen wegen des steigenden Meeresspiegels ihr Zuhause, andere können nicht länger in ihrer Heimat leben, weil das Wetter die Landstriche dort unfruchtbar und unbewohnbar macht. Laut Prognose der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von Scientists for Future würde die zunehmende Erderwärmung außerdem soziale und militärische Konflikte mit sich ziehen.

Es ist also mehr als ernst und trotzdem machen die meisten Erwachsenen weiter wie bisher.

Fahren in dicken Autos durch die Gegend, essen ihre tägliche Ration Wurst und Fleisch, fliegen mehrfach im Jahr durch die Gegend, und und und. Nach uns die Sintflut. Das individuelle Verhalten ist das eine, die politische Ebene das andere, wohl noch entscheidendere.

Seitdem Fridays for Future die Herzen bewegen, die Köpfe wachrütteln, hat sich auch politisch einiges bewegt. Doch auch wenn die Europawahl und Sonntagsfragen klar machen, dass ein großer Teil der Bevölkerung eine Wende in der bislang verfehlten Klimapolitik wünscht, reagiert das etablierte System träge und nicht entschlossen genug. Wollen wir das Pariser 1,5-Grad-Ziel einhalten, brauchen wir drastische Veränderungen, andere Prioritäten, auch hinsichtlich von Investitionen. Es ist doch niemandem erklärbar, dass umweltschädliche Subventionen über 57 Milliarden Euro in Deutschland ausmachen (2012, Quelle: Umweltbundesamt).

Kein Wunder also, dass die Kinder und Jugendlichen wütend sind. Dass sie Erwachsene nicht mehr respektieren können, dass ihnen das Verständnis für deren Trägheit gänzlich fehlt. Schließlich geht es um ihre Zukunft. Sie und ihre Nachkommen trifft die sprichwörtliche Sintflut. Sie werden – gelingt es uns nicht endlich effektiven Klimaschutz zu betreiben – mit Unsicherheiten, Umwälzungen, vielleicht auch Kriegen umgehen lernen müssen.

Die Schönheit der Chance

Ich finde diese Entwicklung doppelt traurig und dramatisch, doch liegt in ihr auch eine Chance. Wieso doppelt?

  • Zum einen natürlich die Klimakrise für sich, sie ist dramatisch und schrecklich. Sehr wahrscheinlich werden meine zwei kleinen Söhne unter den Folgen leiden.

Ich finde die Entwicklung auch aus einem anderen Grund traurig.

  • Denn: Der Schutzraum, in dem der größte Teil der Kinder und Jugendlichen in unserem Land in den letzten Jahrzehnten aufwachsen durften, hatte auch Vorteile. Unbeschwertheit. Die größte Sorge war, ob es nachmittags Erdbeer- oder Vanilleeis sein sollte, später vielleicht, ob die Mathe Klausur diesmal besonders schlecht ausfallen wird oder der Schwarm einen heute eines Blickes würdigen wird.

Ich weiß diesen unfassbaren Luxus zu schätzen. Noch nie haben wir in Europa so lange in Frieden zusammengelebt, ohne Hunger oder vermeidbare Epidemien. Ich will die Armut, die es hierzulande gibt, nicht kleinreden. Trotzdem bin ich der Überzeugung: Was wir erleben durften, war ein Wohlstand, der weltweit seinesgleichen sucht. Damit dürfte nach den Prognosen der Klimaforscher über kurz oder lang wohl Schluss sein.

Im wahrscheinlichen Niedergang der Unbeschwertheit von Kindheit und Jugend liegt vielleicht aber auch eine Chance, die wir schon jetzt ergreifen sollten:

Kinder und Jugendliche sollten mehr zu sagen haben in unserem System.

Sie sollten wählen dürfen, wenn sie es möchten. Ich persönlich halte sogar schon Kinder unter 16 Jahren für informiert und engagiert genug, um eine Stimme in unserer Demokratie zu erhalten – mit einem Bildungssystem, das Gestaltungskompetenz vermittelt, könnte daraus bald eine veritable Masse werden. Dann haben sie endlich eine Möglichkeit, die Politik hierzulande mit zu beeinflussen und ihre Zukunftsentscheidungen selbst zu treffen – und damit vielleicht das Ruder rumzureißen und die Schönheit und Vielfalt unseres Lebensraums zu bewahren.

Sabine Ponath engagiert sich bei Parents for Future. Parents for Future ist eine Graswurzelbewegung mit über 7.500 aktiven Eltern, die sich Anfang 2019 zum Ziel gesetzt haben, die Jugendbewegung zu ermutigen und unterstützen das Klima zu schützen und auf die Wichtigkeit der globalen Klimagefahren hinzuweisen, so dass politische und wirtschaftliche Entscheider mit der Zivilgesellschaft am Gestaltungs- und Transformationsprozess teilnehmen.




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