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Meinung der Woche
23. April 2018

Industrie und Energie 4.0 brauchen durchgreifenden Digitalisierungsschub

Während der Primärenergieverbrauch zwischen 1970 und 2016 durch starken Kosten-, Effizienz- und Regulierungsdruck in einigen wenigen Industriestaaten stagnierte oder sogar sank, verzeichnen Länder wie China, Indien, Brasilien, Mexiko oder Russland einen deutlichen Anstieg. Der Energiehunger der Welt hält – getrieben durch Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und Verstädterung – weiter an.

Wolfram Axthelm, Geschäftsführer beim Bundesverband WindEnergie e.V.

Wolfram Axthelm, Geschäftsführer beim Bundesverband WindEnergie e.V.
Foto: Bundesverband WindEnergie e.V.

23.04.2018 – Im Pariser Klimaschutzabkommen hat sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Dafür soll u.a. die Energieversorgung über alle Verbrauchssektoren hinweg dekarbonisiert werden. Die Unterzeichnerstaaten haben vereinbart dafür eigene Maßnahmen zu ergreifen. In Deutschland steht in diesem Zusammenhang die Umstellung auf die Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien bis 2050 auf der Agenda.

Die neue Bundesregierung hat sich zu diesem Ziel  bekannt. Die Verfehlung des 2020er-Zwischenziels soll jedoch durch ein neues ambitioniertes 2030er-Ziel kompensiert werden. Damit dies gelingt, braucht es verbindliche und überprüfbare Schritte, die die Zielerreichung realistisch machen. Neben starken Effizienzanstrengungen ist der deutlich dynamisierte Ausbau bei Windenergie und Fotovoltaik unumgänglich, was in neue Ausbaukorridore münden muss. Notwendig ist bis 2050 ein schneller schrittweiser Ausbau auf gut 60 Gigawatt Offshore-Windenergie, auf mindestens 200 Gigawatt Windenergie an Land und einen deutlichen Sprung bei Fotovoltaik.

Für die Windenergie an Land lässt sich über den jährlichen Nettozubau von gut 5.000 Megawatt bei kluger regionalpolitischer Flankierung die modernste Anlagentechnologie einsetzen und so die Zahl der Anlagen in einem gut akzeptierbaren Rahmen halten. Parallel muss die Fotovoltaik die Energiewende endlich im wahrsten Sinne des Wortes in die Stadt tragen. Die im Koalitionsvertrag genannten Sonderausschreibungen gehen deshalb schon mal in die richtige Richtung, müssen nun aber schnell umgesetzt und dann verstetigt werden. Zusätzlich sind Barrieren wie die Diskriminierung der Eigenversorgung in privaten Haushalten, in Mietquartieren und im Gewerbe aber auch der Industrie zu beseitigen. Begleitend dazu ist das Steuer-, Abgaben- und Umlagensystem mindestens über die Einführung einer nachhaltigen Bepreisung des klimaschädlichen CO2 an die Realität der Energiewende anzupassen.

Die Kritiker der Erneuerbaren Energiepolitik wärmen aktuell das Thema Netzengpässe erneut auf und malen am Horizont eine Welt in der wahlweise riesige Mengen Erneuerbare nicht eingespeist werden können oder die Dunkelflaute das Land zum Stillstand bringt. Beide Szenarien blenden wichtige technische Entwicklungen aus, über die sich jeder auf der heute begonnenen wichtigsten Industriemesse der Welt in Hannover überzeugen kann. Die gestern durch den mexikanischen Präsidenten H. E. Enrique Peña Nieto und die deutsche Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel eröffnete Hannover Messe legt einen Schwerpunkt auf das Energiesystem der Zukunft. Es geht um Versorgungssicherheit und Netzstabilität, die Digitalisierung der Stromnetze, um gute Lösungen für Erneuerbare Mobilität, die Nutzung aller Energieinfrastrukturen, um Effizienz und integrierter Energiesysteme.

Deutschland hat die Erzeugung von Erneuerbaren Energien kostengünstig und damit marktfähig gemacht. Heute lässt sich die Energie aus Wind und Sonne in allen Regionen der Welt immer erfolgreicher nutzen. Schon 2015 waren deshalb die Investitionen in Erneuerbare Energien doppelt so hoch wie in fossile Energien. Und erstmals übertrafen sie Kohle, Öl, Gas und Atom auch bei der neu installierten Leistung. Jetzt geht es darum, Marktführer beim Management der Energiewende zu bleiben. Das Primat der Versorgungssicherheit in einer eng verzahnten Netzinfrastruktur (künftig sicher auch zwischen Strom- und Gasnetz) lässt sich bei steigender Zahl dezentraler Produzenten in einem dicht besiedelten Industrieland wie Deutschland durch einen durchgreifenden Digitalisierungsschub gewährleisten. Die Akteure der Energiewirtschaft sehen sich dabei allerdings einem - freundlich ausgedrückt - engen gesetzlichen Rahmen gegenüber. Die Hoffnung, die Digitalisierung in einem Ministerium oder mindestens doch an einer Stelle der Bundesregierung zu bündeln, hat sich im politischen Kompromiss zwischen drei Parteien nicht erfüllt. Die Aufgaben bleiben. Die Lösungsmöglichkeiten lassen sich auf der HANNOVER MESSE erkennen.

Der Politik möchte man zurufen: Lasst zu, dass die Akteure der Energiewirtschaft die Chancen ergreifen können. Auf der HANNOVER MESSE sind die Lösungen zu besichtigen, die deutsche Ingenieurskunst und kreative junge Start-up-Unternehmen der Digitalwirtschaft, aber auch der etablierte deutsche Maschinen- und Anlagenbau und die Elektrobranche möglich machen. Nicht Zögern und Zaudern, sondern Zupacken und Mitmachen sind das Gebot der Stunde.

Wolfram Axthelm ist Geschäftsführer beim Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE) für den Bereich Strategie und Politik. Der BWE wurde im Jahr 1996 gegründet und gehört mit seinen über 20.000 Mitgliedern zu den weltweit größten Verbänden der Erneuerbaren Energien.




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