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Nachgefragt
26. Januar 2018

„Tödliche Wirkung auf Pflanzen und Tiere“

Sulfat in der Spree, das bis nach Berlin kommt und so die Gesundheit gefährdet und die Wasseraufbereitung verteuert – diese Folge des Brandenburger Kohletagebaus sorgt hin und wieder für Aufsehen. Der Biologe Werner Kratz weist nun aber darauf hin, dass Wasserpflanzen und -tiere schon viel stärker leiden. Ihm zufolge wird es auch nicht langfristig gehen, das belastete Wasser ständig zu verdünnen.

Bild: Foto von Werner Katz im Gespräch mit zwei weiteren Personen
Dr. Werner Katz (Mitte) auf dem Neujahrsempfang des NABU (Foto © Manuela Brecht)

26.01.2018 – Dr. Werner Kratz ist nach 40-jähriger Lehr- und Forschungstätigkeit an in- und ausländischen Universitäten Wissenschaftler im Unruhestand. Bei der Umweltschutzorganisation NABU leitet er den Bundesfachausschuss Umweltchemie und Ökotoxikologie. Am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin arbeitet er weiterhin als Privatdozent.

Sulfat in der Spree ist in Berlin seit ein paar Jahren immer wieder ein Aufreger Wie ist der aktuelle Stand?

Nach der Einstellung eines Kohlebergbaus ergibt sich das Problem, dass mit dem steigenden Grundwasser das Sulfat hochkommt, übrigens im Zusammenhang mit dem Eisenhydroxid-Ocker. Je nachdem, wieviel Wasser gerade durch die Spree und ihre kleinen Zuflüsse fließt, ist die Sulfatkonzentration mal höher, mal niedriger – im Trend aber zunehmend, das haben große Studien, auch im Auftrag des Berliner Senats, gezeigt. Ich kann mir vorstellen, dass die Berliner Wasserbetriebe und der Senat nervös werden, denn es muss etwas passieren. Frankfurt an der Oder hat übrigens ebenfalls große Probleme mit der Sulfatbelastung.

Wie wird sich dieses Problem mittel- und langfristig entwickeln?

An der Quelle, den Tagebauen, kann das Sulfat durch chemische Eingriffe oder die Beimischung von sulfatfreiem Wasser neutralisiert werden. Solange das nicht passiert – und da passiert nicht viel – fürchte ich, dass es für Berlin keine guten Nachrichten geben wird.

Das belastete Wasser wird derzeit mit wenig belastetem Wasser vermischt. Welche Folgen hat es, wenn das jahrelang, wahrscheinlich sogar jahrzehntelang gemacht wird?

Soweit ich die Diskussion zwischen Sachsen und Brandenburg kenne, gibt es ein Problem bei der Beschaffung des nötigen sauberen Wassers, übrigens auch bei der Flutung der Bergbau-Restseen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sachsen beliebig lange dieses unbelastete Wasser zur Verfügung stellt, wenn es nicht entsprechend finanziell entschädigt wird.

Es soll ja auch auf Grundwasser zurückgegriffen werden.

Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist auch Grundwasser endlich, vor allem sauberes Grundwasser. Brandenburg hat schon an vielen Stellen Probleme mit Grundwasserverschmutzung wegen der Landnutzung, sei es durch Landwirtschaft, Bergbau oder Industrie. Sie finden da heute Pestizide, Schwermetalle, Arzneimittel. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass das Land genug schadstofffreie Reserven hat, um dauerhaft das sulfatbelastete Wasser zu verdünnen.

Was bedeutet der hohe Sulfatgehalt im Wasser für die Tierwelt?

Das ist genau mein Thema. Wir müssen an die Tier- und Pflanzenwelt denken. Da gibt es vielfältige Untersuchungen aus der Umweltchemie und der Ökotoxikologie. Das Sulfat verändert den pH-Wert des Gewässersystems. Da die Sedimente im Wasser voll mit Schadstoffen sind, ist mit jeder pH-Wert-Änderung die Gefahr verbunden, dass diese zum Teil krebserregenden Stoffe eine tödliche Wirkung auf Pflanzen und Tiere haben. Aber auch nicht-tödliche Dosen bedrohen Populationen. Wenn Wasserflöhe und andere Tiere sich nicht mehr so gut fortpflanzen können, finden Fische weniger Nahrung und werden ebenfalls weniger. In der Spree und ihren Zuflüssen haben wir heute mindestens zehn Fischarten weniger als zu der Zeit, als es diese Sulfat- und Eisenockerbelastung noch nicht so gab. Zu den Wasserpflanzen: Die EU-Wasserrichtlinie schreibt vor, dass nicht nur der chemische Zustand von Fließgewässern entscheidend ist, sondern auch der biologische, ökologische Zustand. Der wird an Tierarten und Wasserpflanzen festgemacht. Wegen der Verschlammung sterben viele Pflanzen, weil sie keine Photosynthese mehr betreiben können.

Der NABU fordert von der Wasser-Arbeitsgemeinschaft der Bundesländer eine Umweltqualitätsnorm. Sie soll ermöglichen, dass Gerichte bei der Beurteilung einer Sulfatbelastung einen Maßstab haben. Kann heute nicht gut gegen eine hohe Sulfatbelastung gerichtlich vorgegangen werden?

Das Problem ist: Selbst wenn Sie so eine Umweltqualitätsnorm haben, können Sie im Grund bei Gericht nicht durchsetzen, dass die Nutzung des Gewässers verboten wird. Das sind keine justiziablen Grenzwerte, sondern sie dienen der Orientierung, wo es zu erheblichen Verbesserungen durch Umweltmanagement-Maßnahmen kommen muss.

Das ist also wie bei der Verockerung durch das Eisenhydroxid, wo nichts justiziabelist, weil die Grenzwerte nur Orientierungswerte sind.

Richtig. Uns beim NABU enttäuscht, dass die Landesregierungen – sowohl Brandenburg, als auch Sachsen und Nordrhein-Westfalen – kein schnelleres, oder strengeres Vorgehen praktizieren, also schon an den Tagebauen das Sulfat und das Eisen entnehmen.

Ist die Politik nicht ausreichend sensibilisiert für diese Gewässerproblematik?

Schauen Sie sich an, wie weit die EU-Wasserrichtlinie, die für alle Mitgliedsstaaten verpflichtend ist, umgesetzt ist! Wir stehen noch lange nicht da, wo wir stehen müssten.

Das Gespräch führte Ralf Hutter


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