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KohleausstiegEntschädigungen für verlustreiche Steinkohle

Luftbild des Steinkohlekraftwerks Heyden 4 in Lahde, Nordrhein-Westfalen
Mit einem Verlust von über 54 Millionen Euro zwischen November 2018 und Oktober 2020 ist das Steinkohlekraftwerk Heyden 4 in Petershagen (Nordrhein-Westfalen) das verlustreichste in Deutschland. (Foto: ChristianSchd / WikiCommons, CC BY-SA 3.0)   

Mit der ersten Auktion zur Abschaltung von Steinkohlekraftwerken überweist der Staat 317 Millionen Euro an die Energiekonzerne. Dabei machten diese mit ihren Kraftwerken in den letzten beiden Jahren immense Verluste, wie eine neue Analyse zeigt.

09.12.2020 – Die EU-Kommission hatte es Ende November genehmigt: Deutschland darf Auktionen zur Abschaltung von Steinkohlekraftwerken durchführen. Die Betreiber bieten um die Höhe von Entschädigungszahlungen, um ihre Kraftwerke abzuschalten. Den Höchstpreis legte die Bundesregierung für den Anfang auf 165.000 Euro pro Megawatt abgeschalteter Leistung fest. Durchgeführt werden die insgesamt sieben Auktionsrunden von der Bundesnetzagentur.

Am 01. September hatten die Kraftwerksbetreiber bereits ihre Gebote abgegeben und wenige Tage nach der Zustimmung durch die EU-Kommission wurde die erste Ausschreibungsrunde durchgeführt. Und die zeigte: Die ausgeschriebene Menge von vier Gigawatt wurde deutlich überzeichnet, es waren sehr viel mehr Betreiber zum Abschalten ihrer Kohlemeiler bereit. Elf Gebote mit insgesamt 4,788 Gigawatt Leistung erhielten am Ende einen Zuschlag. Der Höchstpreis lag bei 105.000 Euro pro Megawatt, der niedrigste bei 6.047. Im Durchschnitt lag der Zuschlagswert bei 66.259 Euro. Damit war die erste Ausschreibungsrunde deutlich günstiger als von vielen befürchtet. Insgesamt 317 Millionen Euro wird der Bund an die Kraftwerksbetreiber überweisen.

Doch schon mit der Veröffentlichung der Zahlen warnten viele, dass den Betreibern der Ausstieg vergoldet werde. Die deutliche Überzeichnung der Angebote und der Umstand, dass viele jüngere Steinkohlekraftwerke den Zuschlag erhielten, waren ein weiterer Hinweis darauf, wie unrentabel die Kohleverstromung in Deutschland geworden ist. Bei den Geboten schaut die Bundesnetzagentur einerseits auf den Gebotswert und andererseits auf das Verhältnis der verlangten Zahlung zu der voraussichtlich bewirkten CO2-Reduzierung.

Die Kohleverstromung hat es zunehmend schwer auf dem Energiemarkt zu bestehen. Der Europäische Emissionshandel treibt die Kosten in die Höhe, die Subventionen für die Kohlekraft werden immer weniger und Finanzinstitute und Investoren ziehen ihr Geld zunehmend aus dem Kohlegeschäft raus. Zugleich wird die Erzeugung Erneuerbarer Energien immer günstiger.

Die sieben größten der elf Steinkohlekraftwerke, die bei der ersten Auktionsrunde der Bundesnetzagentur einen Zuschlag erhielten, machten deutliche Verluste in den letzten beiden Jahren (Grafik: Ember, mit Daten der Bundesnetzagentur, CC BY-SA 4.0)

Wie unrentabel die Kohleverstromung in Deutschland im Detail ist, macht eine neue Analyse des britischen Energie- und Klima-Think-Tanks Ember deutlich. Deren Berechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass die sieben größten Steinkohlekraftwerke, die einen Zuschlag erhielten, in den letzten zwei Jahren über 200 Millionen Euro Verlust machten. In diesem Jahr nutzten die Kraftwerke bislang gerade mal ein Achtel ihrer Kapazität und produzierten sehr geringe Mengen Strom.

Die größten Verluste machten die älteren Kraftwerke in Bremen, Walsum, Ibbenbüren und Petershagen – alle über 30 Jahre alt. Doch auch die jüngeren Steinkohlekraftwerke in Moorburg und Westfalen kamen nicht in die Gewinnzone. Das Kraftwerk in Westfalen startete 2014. Moorburg ging erst 2015 ans Netz, begleitet von vielen Protesten. Befürworter lobten die vergleichsweise hohe Effizienz. Doch das Kraftwerk galt von Anfang an als vollkommen überdimensioniert und verzeichnete nach Inbetriebnahme einen CO2-Ausstoß von 8,5 Millionen Tonnen im Jahr.

Auch das ist wohl ein Grund, warum die beiden Blöcke von Moorburg in der ersten Auktionsrunde einen Zuschlag erhielten und ab 01. Januar 2021 ihr Strom nicht mehr auf dem Strommarkt vermarktet werden darf. Spätestens im Juli nächsten Jahres muss das Kraftwerk abgeschaltet werden. Wie viel genau der Betreiber der Moorburg Blöcke, der schwedische Energiekonzern Vattenfall, für die Abschaltung erhält, ist nicht bekannt. Lediglich RWE gab bekannt, dass für die Abschaltung der beiden Kraftwerke in Westfalen und Ibbenbüren insgesamt 216 Millionen Euro an den Konzern fließen. Damit bekommt RWE 68 Prozent der Gelder aus dieser Ausschreibungsrunde.

Seit Februar 2019 machen alle Steinkohlekraftwerke in Deutschland zusammen stetig Verluste. (Grafik: Ember, CC BY-SA 4.0)

Weitere Analysen von Ember zeigen, dass diese sieben Steinkohlekraftwerke keine Einzelfälle sind. 93 Prozent aller Steinkohlekraftwerke in Deutschland haben demnach seit Ende 2018 Verluste eingefahren, die sich inzwischen auf über eine Milliarde Euro belaufen. Und die Verluste werden in den kommenden Jahren zunehmen. 2019 etwa liefen die Kraftwerke auf 29 Prozent ihrer maximalen Kapazität, 2020 bislang bei 20 Prozent. Ohne die Hoffnung auf Entschädigungszahlungen aus den kommenden Auktionsrunden würden Kraftwerksbetreiber wahrscheinlich schon viel früher die Steinkohleverstromung beenden. Es ist abzusehen, dass auch die folgenden Auktionsrunden überzeichnet seien werden.

Doch die Auktionsrunden sollen noch bis 2027 laufen und sind weiterhin auf ausgeschriebene Mengen an Kohleleistung limitiert. Sarah Brown, Senior Analystin bei Ember, sagt: „Ein marktgetriebener Kohleausstieg ist bereits auf dem Weg und die Begrenzung der ausgeschriebenen Kohleleistung in den Auktionen wird möglicherweise das Ende der Kohle hinauszögern.“ Die Entschädigungszahlungen müssten eingestellt werden und andere Länder dürften nicht dieses Modell aus Deutschland übernehmen, so Brown weiter. mf


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Kommentare

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Hans Joachim Schneider 10.12.2020, 20:11:22

bitte passen Sie die Ortsangabe Heyden4 an oder ergänzen zumindest, das es in 32469 Petershagen steht. Danke.

energiezukunft 11.12.2020, 10:15:31

+17 Gut

Lieber Herr Schneider, vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Ortshinweis angepasst. Mit bestem Gruß die Redaktion.


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