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Meinung der Woche
11. Juni 2018

Gas: Brückentechnologie oder Klimakiller (light)?

In den letzten Jahren sind die fossilen Energieträger als Klimakiller immer stärker unter Druck geraten. Besonders Kohle als der Brennstoff, bei dessen Verbrennung am meisten Kohlendioxid entsteht. Dabei gibt es Unterstützung von ungewöhnlicher Seite: Auch Öl- und Gaskonzerne fordern das Ende der Kohle.

Regine Richter, Energie­expertin der Umwelt- und Menschen­rechts­organisation urgewald

Regine Richter, Energie­expertin der Umwelt- und Menschen­rechts­organisation urgewald
Foto: Andreas Schoelzel

11.06.2018 – Bei dieser Forderung handelt es sich jedoch vor allem um den Versuch, das eigene Geschäftsmodell zu Ein Versuch das eigene Geschäftsmodell zu retten. retten. Denn ersetzt werden soll nach dem Willen von z.B. Shell oder Statoil die Kohle vor allem durch Gas. Diese Strategie ist jedoch aus Klimasicht problematisch: Um das Pariser Klimaziel zu erreichen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss der Energiesektor bis Mitte des Jahrhunderts dekarbonisiert werden. Ernsthafte Szenarien von Klimawissenschaftlern sehen deshalb höchstens einen kurzfristig (10-15 Jahre) ansteigenden Gasbedarf vor, der danach steil bergab gehen muss. Investitionen in Gasinfrastruktur, seien es Kraftwerke, Pipelines oder Flüssiggasterminals, sind jedoch auf Laufzeiten von 40-50 Jahren angelegt. Interessenskonflikte zwischen Betreibern und Klimapolitik sind damit vorprogrammiert. Wenn „Stranded Assets“, also Investitionsruinen, vermieden werden sollen, muss deshalb sehr genau geprüft werden, ob neue Gasinfrastruktur wirklich benötigt wird und ob der Bau neuer Pipelinesysteme, sei es von Aserbaidschan nach Italien (Südlicher Gaskorridor) oder von Russland nach Deutschland (Nord Stream 2), nötig ist. Statt neue Versorgungslinien zu legen, muss der Gasverbrauch massiv reduziert werden. Etwa durch Gebäude-Isolierungen, weil viel Gas zum Heizen genutzt wird.

Diese Einsicht fehlt größtenteils auf politischer Ebene: So fördert die EU-Kommission massiv den Ausbau von Pipelines und Flüssiggasterminals, obwohl viele der bereits existierenden Terminals stark unter-genutzt sind. Flüssiggas verschlechtert zudem die Energiebilanz von Gas, weil der Brennstoff energieintensiv erst verflüssig und dann wieder in Deutschland unterstützt die Gasgeschäfte. Gas zurückverwandelt werden muss. In Deutschland kommt die Unterstützung durch Außenwirtschaftsförderung (Hermesbürgschaften oder Ungebundene Finanzkreditgarantien) hinzu, die beim Bau des Südlichen Gaskorridors hilft und Uniper bei Flüssiggas-Geschäften mit Kanada fördern will. Diese Geschäfte ermöglichen ihrerseits erst die Erschließung neuer Gasquellen, teils durch Fracking-Technologie. So wird Gasverbrauch auf Jahrzehnte festgelegt und die Weichen gestellt für den Ersatz von fossilen Energieträgern durch andere fossile Energieträger, statt wirklich die Dekarbonisierung vorwärts zu treiben.

Ein weiteres Problem ist aus Klimasicht besonders gravierend: Methan-Leckagen. Bei der Förderung, Verarbeitung und dem Transport von Gas kann es zu Methanemissionen kommen. Das Gas ist um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid und wirkt sich negativ auf die Klimabilanz von Gas aus. Forscher schlagen eine 34-fache Gewichtung von Methanemissionen gegenüber Kohledioxid vor. Bisher werden solche Emissionen jedoch nicht systematisch erfasst, was die genaue Bezifferung des Problems erschwert.

Generell gilt: Genau wie bei Kohle muss auch bei Gas über die Bedingungen der Rohstoffgewinnung geredet werden: große Umweltver-schmutzung durch die Fördermethode Fracking Etwa die große Umweltverschmutzung durch die Fördermethode „Fracking“, bei der Gas u.a. durch einen Chemikaliencocktail aus dem Gestein gelöst werden soll. Oder die Auswirkungen auf die Lebensweisen bei nomadischen Indigenen auf der Jamal Halbinsel in Russland, wo große Gasvorkommen erschlossen werden (auch dieses Projekt wird durch Hermes-Bürgschaften gefördert). Das bedeutet schwerwiegende Einschnitte in die traditionelle Rentierzucht. Kritik an Projekten ist in Russland wie auch in anderen gasproduzierenden Ländern gefährlich, sei es in Turkmenistan oder Aserbaidschan, wo Kritik kriminalisiert wird und Menschenrechtsaktivisten oder unabhängige Journalisten ins Gefängnis wandern. Die Probleme sind ebenso groß wie beim Kohleabbau, nur weniger bekannt.

Wenn die Gasindustrie also von „klimafreundlichem Gas“ redet, tut sie das vor allem, weil sie weiter Gas verkaufen will und nicht, weil ihr das Klima am Herzen liegt. Eine verantwortungsvolle, umfassende Klimastrategie muss die Rolle von Gas jedoch sehr kritisch prüfen und alle Wege ausschöpfen, den Verbrauch von Gas so schnell wie möglich so stark wie möglich zu senken, statt durch den Ausbau von Infrastruktur seine Nutzung auf Jahrzehnte festzulegen.

Regine Richter ist Mitarbeiterin der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald, die Banken und Konzernen auf die Finger schaut, wenn deren Aktivitäten Mensch und Umwelt schaden.




Kommentare

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Florian 16.06.2018, 22:26:57

was die Unnötigkeit zusätzlicher Terminals für Flüssiggas Transporte angeht stimme ich voll und ganz zu. Zur Erdgas Infrastruktur auch manche Fernleitung eingeschlossen gibt es die Langfrist Perspektive diese zum Transport von synthetisch hergestellten Gasen zu verwenden, also Überschüsse erneuerbar Energie in Wasserstoff oder Methan zu wandeln und anfangs auch als Mix mit konventionellem Erdgas zu transportieren. Das könnte Transport von Norden nach Süden innerhalb von Deutschland sein aber auch in größerem Maßstab zum Beispiel von Osteuropa zu uns. Ebenso bieten die vorhandenen Speicher im Gasnetz die elegante Möglichkeit der saisonalen Speicherung. Sparen ist immer besser als mehr erzeugen müssen, wenn man jetzt aber schnell von Atom und Kohle weg möchte und einen effektiven Ausgleich der erneuerbaren Energie möchte ohne gleich in allzu viele neue Speicher Projekte investieren zu müssen ist Erdgas in Maßen nicht ganz verkehrt. Besser geht immer nur zu eben deutlich höheren Kosten die viele leider nicht bereit sind zu tragen.


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