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Energiesystem der EUEuropas Energiestrategie auf dem Prüfstand

Flaggen der Europäischen Union im Wind.
Blau ist die Flagge der Europäischen Union. Blau könnte leider auch der Wasserstoff sein, den Europa künftig produziert. (Bild: Wiktor Dabkowski, action press / Bankenverband / Flickr.com, CC BY-ND 2.0)   

Mit ihrer gestern beschlossenen Strategie gibt die Europäische Kommission eine klare Richtung vor: effizient, grün und dezentral soll Europas Energie der Zukunft sein. Trotzdem könnten fossile Energieträger noch 2050 Bestand haben.

09.07.2020 – Mit der zunehmenden Sektorenkopplung und Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie wird der Strombedarf in Europa enorm steigen. Umso wichtiger ist eine effiziente Nutzung der Energieressourcen. Dies ist einer der Kernelemente der gestern vorgestellten Strategie  Integration des Energiesystems, für den Umbau von Europas Energiemarkt. Als Teil des Green Deal will die EU-Kommission in Europa ein effizientes und zirkulares Energiesystem implementieren. Bereits verbrauchte Energie, wie zum Beispiel Abwärme aus der Industrie, soll aufgefangen und wiederverwendet werden.

Ideen dafür gibt es viele, wie unter anderem ein Start-Up aus Deutschland zeigt, die mit einem speziell entwickelten Kunststoff grünen Strom aus Industriewärme erzeugen will. In Kopenhagen versorgt eine Müllverbrennungsanlage mit angeschlossenem Blockheizkraftwerk bereits 100.000 Haushalte in der Umgebung mit Wärme und Strom. Diese Dezentralität von Energiesystemen ist ein weiterer wichtiger Faktor für Europas künftige Energiestrategie.

Weitere europäische Städte treiben einen entsprechenden Umbau voran. Finnlands Hauptstadt Helsinki schrieb kürzlich einen Wettbewerb mit einer Millionen Dollar Preisgeld aus. Gesucht wird das nachhaltigste Projekt zur urbanen Wärmeversorgung der Zukunft, das in Helsinki Kohle als Hauptquelle für Fernwärme zu ersetzen soll. In Deutschland ist es vor allem die Regierung Baden-Württembergs, die eine dezentrale klimaneutrale Wärmeversorgung vorantreibt. Dazu will das Land eine verpflichtende kommunale Wärmeplanung für Städte implementieren.

Steuerreform und Ausweitung des Emissionshandels

Betrieben werden soll das dezentrale, effiziente und zirkulare Energiesystem vorrangig mit Erneuerbaren Energien. Dafür arbeitet die EU-Kommission an einer Reform steuer- und marktbasierter Systeme, mit dem Ziel fossile Energie aus dem Wettbewerb zu drängen. Dafür steht eine Ausweitung des Europäischen Emissionshandels (ETS) auf der Agenda. Zur Debatte stehen der Einbezug von Straßen-, Flug- und Schiffverkehr sowie die Gebäudewärme.

Auch soll der Abbau von Subventionen für die fossile Energiewirtschaft stärker vorangetrieben werden. Dazu gehört auch eine Revision der EU-Energiesteuer-Richtlinie, die laut EU-Kommission insgesamt stärker an der EU-Umwelt- und -Klimapolitik ausgerichtet wird. Bei dieser Revision sollen auch die unterschiedlichen Speichermöglichkeiten für Energie mitgedacht werden, die im Zuge der angestrebten Energiewende Bedeutung gewinnen.

Als wichtige Speichermöglichkeit für den künftigen Energiemarkt wird auch auf europäischer Ebene Wasserstoff angesehen – vor allem dort wo die reine Elektrifizierung an ihre Grenzen stößt, wie im Transport- und Industriebereich. Entsprechend veröffentlichte die Kommission gestern neben der Strategie zu Europas Energiesystem auch ihre eigene Wasserstoffstrategie. Zwar wird darin die Bedeutung von grünem Wasserstoff aus Erneuerbaren Energien betont, doch wie die Wasserstoffstrategie der deutschen Bundesregierung lässt sie vielerlei Schlupflöcher für die weitere Nutzung fossiler Energien zu.

Das Ende fossiler Energien ist nicht in Sicht

Denn neben dem Fokus auf grünen Wasserstoff, wird auch sogenannter blauer Wasserstoff übergangsweise in die Planungen mit einbezogen. Der wird aus Erdgas gewonnen. Dadurch entstehende CO2-Emissionen werden zum Teil abgesaugt und in den Boden gepresst, mit sogenannter Carbon-Capture Speicherung (CCS), oder auch umgewandelt in synthetische Kraftstoffe (CCU-Technologie). Umweltverbände kritisieren die übergangsweise Nutzung von blauem Wasserstoff. Verena Graichen vom Bund für Umwelt und Naturschutz sagt: „Investitionen in fossilen Wasserstoff sind eine klimapolitische Sackgasse. Die EU muss das anerkennen und nur noch grünen Wasserstoff fördern.“ Und Kai Niebert vom Deutschen Naturschutzring mahnt: „Einen Lock-In-Effekt in die Nutzung von fossilem Erdgas gilt es unbedingt zu vermeiden.“

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) kritisiert, dass auch die Strategie zur Integration des Energiesystems 2050 immer noch von relevanten Anteilen fossiler Energieträger ausgeht. Denn bis dahin wird in allen Energiebereichen die Speicherung von CO2 als wichtiger Teil von einem klimaneutralen Europa angesehen. Auf Anfrage erklärt BEE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm: „Hundert Prozent Erneuerbare Energien und ein dekarbonisiertes Gesamtsystem sind möglich. Dafür brauchen wir keine CCS/CCU-Technologien, die fossile Energieträger künstlich im Markt halten.“

Vor allem beim Flug- und Schiffverkehr wird darüber hinaus die Nutzung „CO2-armer“-Brennstoffe, wie sogenannte Biokraftstoffe, propagiert,. Diese sorgen jedoch ebenfalls für Emissionen und treten in Konkurrenz zum Nahrungsanbau. Die nun veröffentlichten Strategien passen nicht zu den Klimazielen der EU, sagt auch Simone Peter Präsidentin des BEE. Vielmehr müsse der Fokus noch stärker auf die Potenziale der Erneuerbaren Energien gelegt werden, die auch für Wertschöpfung und Arbeitsplätze elementar seien. „Hier muss nachgebessert werden“, so Peter. mf


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